Packendes Zeitzeugnis

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
nele2505 Avatar

Von

Eva Kranenburg ist mit "Falls jemand fragt, wer wir waren" ein außergewöhnlicher Spagat gelungen: Sie verbindet das sensible Porträt einer intensiven Frauenfreundschaft mit der atemlosen Spannung eines Kriminalromans und bettet das Ganze in ein dramatisches Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte ein.

Die Geschichte um Tilla, die im Halle des Jahres 1953 nach ihrer spurlos verschwundenen Freundin Rena sucht und dabei auf ein Netz aus Lügen und Geheimnissen stößt, zieht von der ersten Seite an in den Bann. Besonders faszinierend ist dabei der psychologische Scharfsinn, mit dem die Autorin zu Werke geht - hier spürt man deutlich ihre Expertise im Bereich des Drehbuchschreibens und der Psychotherapie. Die charakterliche Entwicklung von Tilla, die aus ihrer vertrauten Realität gerissen wird und schmerzhaft lernen muss, Schein von Sein zu unterscheiden, ist absolut glaubwürdig und berührend gezeichnet.

Was diesen Roman jedoch weit über ein reines Spannungsbuch hinaushebt, ist die historische Kulisse. Die bedrückende, brodelnde Atmosphäre in den Anfangsjahren der DDR und die Zuspitzung der Ereignisse rund um den Volksaufstand am 17. Juni sind meisterhaft recherchiert und spürbar lebendig eingefangen. Man riecht förmlich den Staub der ausgebombten Ruinen und spürt die allgegenwärtige Paranoia einer Gesellschaft im Umbruch.

Ein atmosphärisch dichter, emotional aufwühlender Roman über Wahrheit, Verrat und die Frage, woran man glaubt, wenn die gesamte Umgebung ins Wanken gerät. Wer historische Romane mit Tiefgang und dem Spannungsbogen eines Thrillers sucht, wird dieses Buch verschlingen. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung!