Politischer Coming-of-Age-Roman nicht nur für Erwachsene

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REZENSION – Erst im März hatte Eva Kranenburg, Absolventin der Akademie für Kindermedien, ihren speziell für Jugendliche verfassten und mit Preisen ausgezeichneten Debütroman „Freunde“ veröffentlicht. Jetzt folgte im Juli beim Hanser Verlag mit „Falls jemand fragt, wer wir waren“ bereits ihr erster Roman für Erwachsene. Doch auch dieser Roman ist jugendlichen Lesern ebenso zu empfehlen, handelt er doch vom Alltagsleben zweier jugendlicher Freundinnen in Halle an der Saale in der noch jungen DDR des Jahres 1953, einem von den Sowjets besetzten Land voll politischer Spannungen und wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung.
Im Mittelpunkt der Handlung steht die 16-jährige Schülerin Tilla, die als Tochter eines von den Sowjets aus dem Konzentrationslager befreiten Kommunisten vom blindem Glauben an die sozialistischen Ideale beseelt ist. Aus einer Zufallsbekanntschaft mit der gleichaltrigen Rena, die sie aus einer peinlichen Notlage befreit, wird enge Freundschaft. Das selbstbewusste und offensichtlich unangepasste Auftreten Renas, die trotz ihrer täglichen Treffen an der Saale nur wenig Persönliches von sich preisgibt, verändert unmerklich Tillas Denken. Als Rena plötzlich ohne Abschied verschwunden ist, muss Tilla bei ihrer Suche erfahren, dass nicht einmal das Wenige, das sie über ihre Freundin wirklich zu wissen glaubte, der Wahrheit entspricht: Das Haus, in dem Rena zu wohnen vorgab, entpuppt sich als ausgebombte Ruine und die Verkäuferin, die Rena im Vorbeigehen als ihre Mutter ausgab, hat gar keine Kinder. Tillas weitere Nachforschungen, im Laufe derer ihr einige Ungereimtheiten und Widersprüche zu ihrer idealisierten Denkweise bewusst werden, werden nun immer mehr zu einer Suche nach der Wahrheit – und letztlich auch zu sich selbst, als sich die unterschwellig brodelnde Unzufriedenheit in der Bevölkerung Halles im Volksaufstand des 17. Juni entlädt. Dieses Erlebnis zwingt Tilla schließlich vollends, ihre bislang kaum überdachten Überzeugungen infrage zu stellen.
Eva Kranenburg, eine praktizierende Psychotherapeutin, gelingt es aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung mit traumatisierten Jugendlichen und Erzählungen aus eigener Familie auf sehr eindringliche Weise, den historischen Hintergrund im Frühsommer 1953 in der DDR aus Sicht der Schülerin Tilla darzustellen und deren innere Entwicklung sowie damit verbundenen Sinneswandel zu verdeutlichen. Wir erleben nachvollziehbar, wie aus der überzeugten Sozialistin nach und nach eine kritische junge Frau wird. Gerade dieser psychologische Aspekt in der Charakterisierung ihrer Figuren – neben Tilla ist da auch ihr Freund Roman mit seiner für sie unerklärlich gespaltenen Persönlichkeit besonders erwähnenswert – macht den Roman mit seiner emotionalen Dimension lesenswert.
Das anfangs recht ruhige Erzähltempo ist gewöhnungsbedürftig. Doch bald wird deutlich, dass gerade diese Langsamkeit der unmerklichen Persönlichkeitsentwicklung Tillas entspricht. Ihre Erkenntnis, dass der von ihr unbedacht idealisierte Sozialismus fehlerhaft ist und nonkonforme Mitmenschen unterdrückt, kommt keineswegs spontan, sondern bildet sich von Tag zu Tag, von Beobachtung zu Beobachtung. Letztlich wird ihre zuvor unerschütterliche mädchenhafte Begeisterung für das sozialistische System durch die jetzt für sie erkennbaren Schattenseiten der politische Realität brüchig.
Die Autorin macht mit ihrem Roman Geschichte emotional und dadurch verständlich. Sie zeigt die Schwierigkeit eines jungen Menschen, sich von einem zwar vertrauten, letztlich aber nur von außen aufgedrängten Weltbild zu lösen und stattdessen den Mut aufzubringen, selbstständig zu denken und zu differenzieren: Es gibt im Leben eben nicht nur „gut“ und „böse“. Tilla entdeckt auf ihrer Suche nach Rena, damit zugleich auf ihrer Suche nach Wahrheit, dass es nicht nur die eine Wahrheit gibt. Man muss auch Zweifel zulassen können.
Sehr anschaulich beschreibt Kranenburg die dramatischen Geschehnisse während des Volksaufstands in Halle, neben Ost-Berlin einer der Hauptschauplätze am 17. Juni 1953, bei dem etwa 60.000 Menschen auf dem Hallmarkt demonstrierten. Sie schildert diese Massendemonstration nicht trocken und nüchtern als historisches, heute von vielen vergessenes Ereignis der DDR-Geschichte. Am Beispiel ihrer unterschiedlich motivierten Protagonisten wird es zu einem vielfältig emotionalen Erlebnis. Auch dies macht „Falls jemand fragt, wer wir waren“ – Kranenburgs Romandebüt für Erwachsene als Coming-of-Age-Roman über Freundschaft und Verrat, über politische Ideale und ihre Schattenseiten – auch für Jüngere unbedingt lesenswert.