Tauwetter in der ehemaligen DDR – leider nicht mitreißend genug

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„Falls jemand fragt, wer wir waren“, ein Roman von Eva Kranenburg, erschienen 2026 bei hanserblau, beschäftigt sich mit den Ereignissen rund um den Volksaufstand am 17. Juni 1953 – und findet dabei leider keinen wirklichen Fokus und Form.

Die Handlung folgt der Geschichte von Rena und Tilla. Die beiden jungen Frauen freunden sich in Halle im März 1953 an – Tilla systemtreu und eine „Hundertprozentige“, Rena aktiv im Widerstand und mit vielen Geheimnissen, wovon Tilla erst im Laufe der Zeit erfährt. Denn eines Tages verschwindet Rena von heute auf morgen und bei der Suche nach ihr entdeckt, Tilla, dass nichts ist, wie es bisher schien. Durch jedes Detail mehr, dass sie herausfindet, gerät auch ihr Weltbild weiter aus den Fugen, denn Geheimnisse gibt es nicht nur bei Rena und auch das System, dem sie bisher so brav folgte, bekommt Brüche.

Kranenburg schreibt flüssig und es gelingt der Autorin, die Historie von 1953 weitestgehend unbemüht in die Handlung einzubetten, so dass auch historisch nicht bewanderte Lesende der Handlung und ihrer Brisanz gut folgen können. Formal arbeitet sie insbesondere im ersten Teil des Buches mit Zeitsprüngen vor uns zurück – was als Stilmittel eher unnötig erscheint, da hier nur um zwei Monate hin und zurück gesprungen wird und sie dieses Prinzip im weiteren Buchverlauf schnell aufgibt – es erzeugt mehr Verwirrung als es das Buch literarisch nach vorn bringt. Die Spannungsbögen werden unregelmäßig gehalten, mal mäandert der Roman vor sich hin, mal gelingt es Kranenburg wirklich zu packen. Die jungen Frauen sind nicht wirklich konsistent in ihrem Alter geschrieben, die Autorin legt viele doch sehr erwachsene Sätze in ihren Mund, die auch eher aus einer Rückschau so möglich sind. Die Figurenentwicklungen gehen unglaubwürdig schnell voran und auch insgesamt werden viele Felder aufgemacht, die der Roman dann nicht schafft zu bedienen. Der Roman pendelt zwischen wirklich gut aufbereiteter Historie und Kitsch und findet dabei sein Erzählziel leider nicht.

Spannend, wenn auch romantisierend, wird der eigentliche Aufstand beschrieben, der gerade im Westdeutschen Raum heute wahrscheinlich nicht mehr vielen bekannt ist. Und auch die Folgen für die einzelnen werden deutlich – weshalb das etwas erzwungene Happy End erneut gar nicht dazu passen möchte. Die wichtige Grundfrage des Buches, Hin- oder Wegsehen, Wissen wollen und mit Wissen leben oder Frieden durch Ignoranz, ist eine wirklich gute Frage und sie ist im Roman gut verankert. Insofern historisch und ethisch durchaus attraktiv zu lesen, mit einer guten Grundidee versehen, literarisch aber leider doch noch unausgegoren.