Wenn die Ideologie die Idee verrät
Tilla lebt in Halle in den 50er Jahre. Ihr Vater ist KZ-Überlebender, der von den Nazis als Kommunist verfolgt wurde. Tilla ist überzeugte Anhängerin Stalins und dem im Osten Deutschlands gelebten Sozialismus. Da lernt sie Rena kennt. Als diese jedoch spurlos verschwindet und Tilla sich auf die Suche nach ihr macht, muss sie erfahren, dass nicht nur Renas Existenz auf Lügen aufgebaut ist, sondern auch das Regime in Ostdeutschland. Dann spitzen sich die politischen Ereignisse zu und es kommt zum Aufstand 1953, der auch in Halle von den Russischen Soldaten gewaltsam niedergeschlagen wird. Und auch Tillas Vater, der für das neue Regime arbeitet, ist nicht unschuldig am Schicksal derer, die sich gegen das Regime auflehnen,
An der Figur Tilla ist besonders interessant, wie in ihr, die an die Ideale einen sozialistischen Staates glaubt, allmählich Zweifel an der Umsetzung in Ostdeutschland, aber auch in der Sowjetunion aufkommen. Darin zeigt sich, wie ursprünglich hehere Ideale, für die es einzustehen gilt, von einer Ideologie verraten werden. Auch die anderen Hauptfiguren sind für sich genommen in ihrer Art genauso gebrochen: Da ist Tillas Vater, der ein so liebevoller Vater und lebensweiser KZ-Überlebender zu sein scheint, der gelernt hat, was im Leben wirklich wichtig ist. Und zugleich trägt er Sorge dafür, dass Leute anderer politischer Meinung genauso weggesperrt werden wie er selbst einst. Da ist Tillas Freund Roman, dessen Vater Polizeipräsident ist, der zum einen die sozialistische Ideologie zu vertreten scheint, aber gleichzeitig als geprügelter Sohn seine Abwehr nicht gegen Vater, sondern gegen das Regime richtet, für das er steht. Lediglich Rena und Rupert scheinen ein Paar zu sein, dass frei von jeglichen Konventionen lebt. Sie sind durch die harte Schule eines Erziehungsheims gegangen und suchen jetzt nach dem, was die DDR ihren Bürgern zunehmend verweigern wird: Freiheit.
Mentalitäts- und ideengeschichtlich ist das Buch sehr interessant, besonders für junge Menschen im Alter von Tilla, die heute aber die DDR, wenn überhaupt, nur noch aus Dokus und Büchern kennen. Für sie ersteht ein wichtiger Teil deutsch-deutscher Geschichte lebendig vor Augen.
In der Mitte hatte ich beim Lesen allerdings eine ziemlich Durststrecke. Die Beziehung von Tilla zu Rena und auch zu Roman fand ich unnötig kompliziert, und die Handlung gerät für mich ins Schlingern auf der Suche nach Rena, die zwischen vermeintlich kriminellen Obdachlosen und einer politischen Kundgebung einer Putzfrau vor einer Menge an Arbeiten hin- und herspringt.
Mit den Ereignissen des Aufstandes nimmt sie dann wieder stringenter Fahrt auf und einen Leser wie mich wieder mehr mit.