Wer Gutes will und Böses schafft

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
mandel61118 Avatar

Von

Der Roman spielt Anfang der Fünfzigerjahre in Halle. Tillys Vater ist als stark gezeichneter Mensch aus dem zweiten Weltkrieg zurückgekehrt. In der sowjetisch besetzten Zone erstarkt der Sozialismus. Auch die junge Tilla ist eine glühende Anhängerin mit Idealen. Die Gesellschaft, in der das junge Mädchen lebt, ist gespalten: Da sind die überzeugten Sozialisten wie sie, die alle Hoffnung in eine bessere Gesellschaft, in der alle gleich sind, legen, und die anderen, die skeptischen Mitbürger. Mit naivem Vertrauen in die Politik sieht Tilla einer besseren Welt entgegen, mit fast religiösen Eifer verehrt sie Stalin.
Es ist interessant, die Beschreibungen des östlichen Nachkriegsdeutschland zu lesen. Die Autorin hat gut recherchiert und viele Details von damals eingeflochten, die man heute nicht mehr kennt, zum Beispiel „Bückware“ unter den Tresen der Geschäfte.
Trotz aller Hoffnung auf eine bessere, sozialistische Gesellschaft überwiegt im Buch eine latente Atmosphäre der Angst und Bedrohung. Tilla weiß genauso gut wie ihre Schulkameraden, dass man seine Meinung nicht sagen darf, wer etwas Falsches, Unerwünschte sagt, verschwindet schnell.
Auch Tillas beste Freundin Rena verschwindet von der Bildfläche, Nachforschungen ergeben, dass Tilla überhaupt nichts über Rena weiß, beziehungsweise dass die wenigen Anhaltspunkte, die sie hat, gelogen sind. Mithilfe ihres Freundes Roman, der in einem kommunistisch geprägten Albtraum in Moskau aufgewachsen ist, begibt sie sich auf die Suche nach der Freundin.
Im Zuge ihrer Nachforschungen lernt sie ungewollt die tiefsten Abgründe anderer Menschen kennen, allen voran ihres geliebten Vaters. Alles, woran Tilla bisher geglaubt hat, muss sie infrage stellen.
Und immer sind da diese grundsätzliche Fragen, die sie quälen: Wie viel Schlimmes darf man tun, wenn es einer guten Sache dient? Ist es legitim, andere zu verraten, wenn es einem höherem Zweck dient?
Mitreißend wird der Volksaufstand vom 17.6.1953 mit all seinen Folgen beschrieben.
Das Buch vermittelt einen authentischen Eindruck der Nachkriegszeit in Ostdeutschland. Es macht betroffen, schockiert an manchen Stellen durch seine ungeschälten Darstellungen. Nichtsdestotrotz überwiegt ein Gefühl der Zuversicht, auch wenn diese hart erkämpft ist.