Zwei Mädchen in der jungen DDR, eine intensive Freundschaft, eine Stadt in Aufruhr - wertvoll!

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"Das Beste ist, gar nicht erst hinzusehen, wenn was Schlimmes passiert, ..."
Teil 1, Mai 1953
Halle im Jahr 1953, eine sozialistische Vorzeigestadt. Hier lebt die 16jährige Tilla mit ihrem Vater, beide überzeugt vom neuen Staat, der neuen Ordnung. Sie halten sich an die Regeln und aneinander. Ihr Vater war im KZ, sein Bein ist versehrt doch über diese Zeit spricht er nicht. Und Tilla ist es gewohnt, zu schweigen, nicht nachzufragen.
Bis Tilla Rena kennenlernt, die ganz anders ist. Frech, mutig, wagt diese es, hinzusehen.
Als Rena über Nacht spurlos verschwindet, beginnt Tilla zu suchen, zu fragen, selber nachzudenken ... Und entdeckt dabei mehr, als sie geahnt hat.
In "Falls jemand fragt, wer wir waren" begleiten wir Tilla über eine kurze Zeitspanne Anfang 1953. Wir gehen mit ihr durch die Straßen von Halle, die geprägt sind von Industrie und Armut. Dabei springen wir durch die Monate, erleben einerseits ihre erste Begegnung mit Rena, der sie sich sofort verbunden fühlt, und ihrer verzweifelten Suche nach ihr.
Tilla ist es gewohnt zu schweigen, nicht hinzusehen und auf keinen Fall zu fragen. So kennt sie es, aus der Schule, aus der kleinen Wohnung daheim, von ihren Freundinnen. Bei ihrer Suche muss sie nachhaken, unbequem sein und dabei feststellen, dass nichts ist, so wie es scheint. Man spürt beim Lesen in jeder Zeile, wie das Schweigen auf Tilla drückt. Wie sehr sie und die Bevölkerung es aus der Zeit des Nationalsozialismus gelernt haben, nichts zu sehen, wissen oder denken und damit den perfekten Nährboden für den Kommunismus geschaffen haben. Ich habe das Gefühl, ein Stück weit verstanden zu haben, was mir bis dahin unverständlich war.
Tilla hat auch Rena kaum etwas gefragt, hingenommen, was sie erzählt hat, und jetzt muss sie feststellen, dass alles, was Rena ihr erzählt hat, nur Schein ist. Für mich eine Szene, die das besonders deutlich macht und symbolisch für Renas Auftreten ist: Tilla fährt zu dem Haus, in dem Rena angeblich wohnt - und muss feststellen, dass es zerbombt ist, nur die Außenmauer ist intakt, der Rest ist vollkommen zerstört. Doch Tilla hat bis dahin nie einen Blick hinter die Fassade geworfen.
Wie die Autorin im Nachwort schreibt, sind die historischen Fakten, das Leben in Halle an der Saale Anfang 1953 authentisch geschildert. Es tat mehr als einmal weh beim Lesen, auch und gerade wie die Nachwirkungen des zweiten Weltkriegs sich auf das Familienleben auswirkten, wie traumatisiert die Väter zurückgekommen sind. Und wie wenig die Kinder über die eigenen Eltern, ihre Vergangenheit und ihre Taten wussten.
Perfekt eingefangen auch der wachsende Unmut der Bevölkerung, der Arbeiter, der im Juni-Aufstand gipfelte. Für mich erschreckend, wie dieser niedergeschlagen wurde, und wie wenig Folgen er hatte, wie lange sich die DDR nach diesem kollektiven Aufschrei hielt.
"Falls jemand fragt, wer wir waren" ist ein sehr bewegendes, berührendes Buch, das mir mehr als einmal die Tränen in die Augen trieb. Es war geschichtlicher als erwartet, dennoch geprägt von der Freundschaft der beiden jungen Frauen. Gerade dass einiges, vor allem bei Rena, bis zuletzt im Dunkeln bleibt, hat mir gut gefallen.
Fazit:
Zwei Mädchen in der jungen DDR, eine intensive Freundschaft, eine Stadt in Aufruhr - sehr wertvoll!