Aus dem Leben einer Schwarzmeerdeutschen
Mischung aus Reportage, Romanhaftem, geschichtl. Fakten u. Lebenserinnungen der Großmutter des Autors - verflochten mit dessen eigenem Leben
Der Autor Michael Riepl hatte geglaubt, seine Großmutter, eine angesehene Landärztin in der bayerischen Provinz, in- und auswendig zu kennen, hatte sich aber nie über einige Anzeichen gewundert, z.B über ihre seltsamen Kindheitserinnerungen. Erst, als er sich nach seinem Examen für eine humanitäre Aufgabe in der Ukraine meldete, gab ihm seine Mutter 314 maschinengeschriebene Seiten, die Lebensgeschichte von Hedwig Krämer, die sie mit 75 Jahren begonnen hatte. Sie schildert darin ‘ein Leben voller Liebe, Leid, Schmerz und Hoffnung’, nicht immer chronologisch und manchmal wirr, aber dennoch beeindruckend und informativ durch das, was der Enkel Michael Riepl daraus gemacht hat: dieses Buch.
Die Großmutter stammte aus der Ukraine, aus der Schwarzmeerregion, genau aus der Gegend, in die der Autor unterwegs sein würde und wo er diese Orte mit den damals deutschen Namen eventuell aufsuchen könnte: Altmontal, Ladekopp, Halbstadt u.a. Damals wurden auf Veranlassung von Katharina der Großen und später von Zar Alexander I. Deutsche dort angesiedelt.
Von nun an verweben sich die Lebenserinnerungen seiner Großmutter Hedwig mit seinem eigenen ruhelosen Leben in zwei Handlungssträngen: ihres und seines als Reisender für humanitäre Hilfsorganisationen.
Hedwig Krämer wurde 1919 geboren, als für Europa der Krieg vorbei war, nicht aber für Russland, das vom Bürgerkrieg zwischen den ‘Roten’ und den ‘Weißen’ erschüttert wurde. Dennoch schreibt Hedwig von einer glücklichen Kindheit, die aber leider endete, als die Terrorherrschaft von Stalin begann: Vertreibung, ‘Säuberungen’, erzwungene Kollektivierung der Landwirtschaft, Export des lebenswichtigen Weizens und eine historischen Hungersnot (Holodomor) mit unfassbaren Millionen Toten.
Hedwigs Familie entkam ihr nur knapp; Hedwig hatte fünf Jahre bei einem Vetter im Kaukasus verbracht, kehrte aber zur inzwischen enteigneten und vertriebenen Familie in die Ukraine zurück. Der Vater wurde unter einem lächerlichen Vorwand verhaftet und deportiert wie so viele damals. Hedwig machte eine Ausbildung zur Hilfsärztin und bekam eine Stelle, wo sie ganz auf sich gestellt fast ohne Medikamente und sonstige Mittel arbeiten musste. Dennoch verschaffte es ihr eine tiefe Befriedigung, den Menschen mit ihren bescheidenen Möglichkeiten helfen zu können. Eine Zeitlang arbeitete sie im Krankenhaus in Tokmak in der Physiotherapie, aber es war weiterhin ihr Herzenswunsch, eine richtige Ärztin zu werden.
Als die Nazis die Ukraine einnahmen, musste sie als Übersetzerin bei der Zwangsrekrutierung von ukrainischen Männern und Frauen tätig sein. Unter schwierigen Bedingungen gelang ihr die Flucht nach Deutschland, wo sie dann später studierte und endlich eine angesehene Ärztin wurde, in der bayerischen Provinz.
Das alles vermittelt uns der Autor teils in geschichtlichen Fakten, teils in persönlich nachfühlbaren Szenen, immer im Wechsel mit seinem eigenen Leben, den Aufenthalten, die ihn in die Gegenden führte, wo seine Großmutter einst gelebt hatte: nach Altmontal, in den Kaukasus.
Wir erfahren viel über die Zustände im Donbas: verlassene Dörfer, Menschen, die bleiben wollen und von freiwilligen Helfern versorgt werden, von alten Leuten, die nicht wissen, wohin. ‘Wer trocknet dann meine Aprikosen?’ fragte eine alte Frau. Der Autor bezeichnet den Donbas als komplexes ethnisches und soziales Mosaik mit russischsprachigen Ukrainern, eine Gegend mit erstarrten Frontlinien, Checkpoints, zehntausenden Toten seit 2014. Die Hälfte der Welt glaubt Russland, die andere schweigt in beschämender Weise.
Und dann erfolgt 2022 der russische Überfall auf die Ukraine und der Autor berichtet aus dem kriegsgebeutelten Kyjiw, in dem er mit seiner armenischen Ehefrau Tatev zwei Jahre lang lebt.
‘Der Krieg ist mit der Stadt verwachsen … er wird alltäglich.’ (213). ‘Der Krieg ist zurückgekehrt in die Ukraine, in den Kaukasus und in unsere Köpfe.’ (297)
Wenn man dieses Buch zuklappt, hat man viel gelernt und das nie in belehrender Weise, sondern vermischt mit persönlichen Impressionen und eindrucksvollen kleinen Szenen in anschaulicher Sprache (‘Zackig wie gefrorene Flammen schoben sich die Gipfel in den Himmel.’)
Ein kleiner Bonus sind ein paar Fotos der Familie, so dass man sich ein Bild von Hedwig machen kann. Sehr hilfreich sind auch die Karten vorne und hinten im Buchdeckel.
Fazit
Ein sehr empfehlenswertes Buch, das trotz der ernsten Themen in lockerer Art und Weise Geschichtliches und Aktuelles geschickt mit Persönlichem vermischt.
Der Autor Michael Riepl hatte geglaubt, seine Großmutter, eine angesehene Landärztin in der bayerischen Provinz, in- und auswendig zu kennen, hatte sich aber nie über einige Anzeichen gewundert, z.B über ihre seltsamen Kindheitserinnerungen. Erst, als er sich nach seinem Examen für eine humanitäre Aufgabe in der Ukraine meldete, gab ihm seine Mutter 314 maschinengeschriebene Seiten, die Lebensgeschichte von Hedwig Krämer, die sie mit 75 Jahren begonnen hatte. Sie schildert darin ‘ein Leben voller Liebe, Leid, Schmerz und Hoffnung’, nicht immer chronologisch und manchmal wirr, aber dennoch beeindruckend und informativ durch das, was der Enkel Michael Riepl daraus gemacht hat: dieses Buch.
Die Großmutter stammte aus der Ukraine, aus der Schwarzmeerregion, genau aus der Gegend, in die der Autor unterwegs sein würde und wo er diese Orte mit den damals deutschen Namen eventuell aufsuchen könnte: Altmontal, Ladekopp, Halbstadt u.a. Damals wurden auf Veranlassung von Katharina der Großen und später von Zar Alexander I. Deutsche dort angesiedelt.
Von nun an verweben sich die Lebenserinnerungen seiner Großmutter Hedwig mit seinem eigenen ruhelosen Leben in zwei Handlungssträngen: ihres und seines als Reisender für humanitäre Hilfsorganisationen.
Hedwig Krämer wurde 1919 geboren, als für Europa der Krieg vorbei war, nicht aber für Russland, das vom Bürgerkrieg zwischen den ‘Roten’ und den ‘Weißen’ erschüttert wurde. Dennoch schreibt Hedwig von einer glücklichen Kindheit, die aber leider endete, als die Terrorherrschaft von Stalin begann: Vertreibung, ‘Säuberungen’, erzwungene Kollektivierung der Landwirtschaft, Export des lebenswichtigen Weizens und eine historischen Hungersnot (Holodomor) mit unfassbaren Millionen Toten.
Hedwigs Familie entkam ihr nur knapp; Hedwig hatte fünf Jahre bei einem Vetter im Kaukasus verbracht, kehrte aber zur inzwischen enteigneten und vertriebenen Familie in die Ukraine zurück. Der Vater wurde unter einem lächerlichen Vorwand verhaftet und deportiert wie so viele damals. Hedwig machte eine Ausbildung zur Hilfsärztin und bekam eine Stelle, wo sie ganz auf sich gestellt fast ohne Medikamente und sonstige Mittel arbeiten musste. Dennoch verschaffte es ihr eine tiefe Befriedigung, den Menschen mit ihren bescheidenen Möglichkeiten helfen zu können. Eine Zeitlang arbeitete sie im Krankenhaus in Tokmak in der Physiotherapie, aber es war weiterhin ihr Herzenswunsch, eine richtige Ärztin zu werden.
Als die Nazis die Ukraine einnahmen, musste sie als Übersetzerin bei der Zwangsrekrutierung von ukrainischen Männern und Frauen tätig sein. Unter schwierigen Bedingungen gelang ihr die Flucht nach Deutschland, wo sie dann später studierte und endlich eine angesehene Ärztin wurde, in der bayerischen Provinz.
Das alles vermittelt uns der Autor teils in geschichtlichen Fakten, teils in persönlich nachfühlbaren Szenen, immer im Wechsel mit seinem eigenen Leben, den Aufenthalten, die ihn in die Gegenden führte, wo seine Großmutter einst gelebt hatte: nach Altmontal, in den Kaukasus.
Wir erfahren viel über die Zustände im Donbas: verlassene Dörfer, Menschen, die bleiben wollen und von freiwilligen Helfern versorgt werden, von alten Leuten, die nicht wissen, wohin. ‘Wer trocknet dann meine Aprikosen?’ fragte eine alte Frau. Der Autor bezeichnet den Donbas als komplexes ethnisches und soziales Mosaik mit russischsprachigen Ukrainern, eine Gegend mit erstarrten Frontlinien, Checkpoints, zehntausenden Toten seit 2014. Die Hälfte der Welt glaubt Russland, die andere schweigt in beschämender Weise.
Und dann erfolgt 2022 der russische Überfall auf die Ukraine und der Autor berichtet aus dem kriegsgebeutelten Kyjiw, in dem er mit seiner armenischen Ehefrau Tatev zwei Jahre lang lebt.
‘Der Krieg ist mit der Stadt verwachsen … er wird alltäglich.’ (213). ‘Der Krieg ist zurückgekehrt in die Ukraine, in den Kaukasus und in unsere Köpfe.’ (297)
Wenn man dieses Buch zuklappt, hat man viel gelernt und das nie in belehrender Weise, sondern vermischt mit persönlichen Impressionen und eindrucksvollen kleinen Szenen in anschaulicher Sprache (‘Zackig wie gefrorene Flammen schoben sich die Gipfel in den Himmel.’)
Ein kleiner Bonus sind ein paar Fotos der Familie, so dass man sich ein Bild von Hedwig machen kann. Sehr hilfreich sind auch die Karten vorne und hinten im Buchdeckel.
Fazit
Ein sehr empfehlenswertes Buch, das trotz der ernsten Themen in lockerer Art und Weise Geschichtliches und Aktuelles geschickt mit Persönlichem vermischt.