Bewegend, informativ , augenöffnend
Der Autor Michael Riepl ist Jurist und promovierter Völkerrechtler. Daneben hat er seit 2015 für verschiedene humanitäre Organisationen gearbeitet, unter anderem in der Ukraine und in Aserbaidschan.
Nun hat er mit „ Ferne Heimat Altmontal“ sein literarisches Debut vorgelegt. Darin verknüpft er die bewegte Lebensgeschichte seiner Großmutter, die in der Ukraine und im Kaukasus aufwuchs, mit Reportagen von seinen Einsätzen in diesen Regionen.
Kurz vor seiner Abreise in die Ukraine erhält Riepl von seiner Mutter einen Stapel Papier - die Erinnerungen seiner Großmutter.
Geboren wurde Hedwig Krämer im März 1919 in Altmontal, einem kleinen Ort in der Südukraine. Ihre Vorfahren waren Protestanten aus Baden, die im 18. Jahrhundert dem Ruf der Zarin gefolgt sind.
Der Erste Weltkrieg ging an Altmontal beinahe spurlos vorüber. Doch 1918 war noch längst nicht Frieden; der Russische Bürgerkrieg tobte noch bis ins Jahr 1921, auch in der Ukraine. Hochschwanger flüchtet Hedwigs Mutter vor den Truppen auf die Krim und als sie Wochen später in ihr Haus zurückkehrt, ist alles verwüstet. So startet Hedwig in ein Leben, das geprägt ist von Hunger, Ausgrenzung und Krieg.
Sie ist zwei Jahre alt, als eine große Hungersnot das Land heimsucht, fünf Millionen Menschen verhungern in den Jahren 1921/1922 im ehemaligen Russischen Reich, viele davon in der Südukraine.
Danach folgen glückliche Jahre, die Familie wird größer. Hedwig und ihre fünf Geschwister wachsen in einer „Astrid-Lindgren-Romantik“ auf.
Das ändert sich mit Stalins „Entkulakisierung“. Die gesamte Landwirtschaft sollte zwangskollektiviert werden und die Kulaken, darunter fielen auch Kleinbauern wie die Krämers, sollten liquidiert oder verbannt werden. Als die Geheimpolizei kommt und die Familie in die Steppe treibt, ist Hedwig zwölf Jahre alt. Aber nicht nur die Krämers hungern in ihrer Lehmhütte, in der gesamten Ukraine herrscht eine Hungersnot, die fünf Millionen Tote fordert. Diese Hungerkatastrophe, die unter der Bezeichnung „Holodomor“ in die Geschichte eingeht, ist menschengemacht. ( Das ukrainische Wort „Holodomor“ bedeutet „Mord durch Hunger“.)
Aber Hedwig hat Glück. Ein entfernter Neffe kommt und nimmt sie mit zu sich nach Aserbaidschan. Hier in Annenfeld, wie das Dorf der Verwandten heißt, findet sich Hedwig , trotz Heimweh, schnell zurecht. Sie besucht die Schule und erweist sich als gelehrig. Und sie verfolgt früh ein Ziel, sie möchte Medizin studieren. Das ist im Kaukasus nicht möglich, deshalb kehrt Hedwig zwei Jahre später in die Ukraine zurück und beginnt mit der Ausbildung.
Doch dann wird der Vater verhaftet, er wird nie mehr zurückkehren. Die großen Säuberungen unter Stalin konnten jeden treffen, nationale Minderheiten wie die Deutschen waren besonders verdächtig.
Und als Hitler 1941 vom Verbündeten zum Feind wird und in die Sowjetunion einmarschiert, geraten die Krämers und mit ihnen alle Deutschstämmigen erneut ins Visier des russischen Geheimdienstes. Alle männlichen Deutschen werden verhaftet, darunter Hedwigs Brüder. Es beginnt die Deportation von einer Million Deutschen in der Sowjetunion.
Aber nicht nur die Deutschstämmigen unter den Ukrainern begrüßen den Einmarsch der Wehrmacht. Viele von ihnen haben die große Hungersnot und Stalins Säuberungen nicht vergessen.
Der Einmarsch der Wehrmacht rettet Hedwig vor der Deportation. Sie, die mittlerweile als Ärztin tätig ist, geht freiwillig als „Fremdarbeiter“ ins Deutsche Reich, ohne wirklich etwas zu wissen über dieses Land.
Und hier wird sie bleiben bis an ihr Lebensende, als Landärztin in einem bayerischen Dorf.
Michael Riepl erzählt die Geschichte seiner Großmutter entlang ihrer Aufzeichnungen. Immer wieder lässt er sie selbst in kurzen Passagen zu Wort kommen. Doch er stellt ihr Schicksal stets in den historischen Kontext, liefert Hintergrundwissen, Zahlen, Daten, Fakten. So wird man von diesen Lebenserinnerungen nicht nur emotional ergriffen, sondern geht klüger aus der Lektüre hervor.
Das trifft auch auf die zweite Ebene dieses Buches zu, die Erfahrungen, die der Autor während seines Einsatzes in der Ukraine macht. Im Jahr 2018 liegen die Maidan-Aufstände, die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass nur kurz zurück. Obwohl die Minsker Abkommen den bewaffneten Konflikt beenden sollten, herrscht weiterhin Krieg.
Im Rahmen seiner Tätigkeit reist Michael Riepl durchs Land, spricht mit vielen, ganz unterschiedlichen Menschen und gewinnt so ein genaues und differenziertes Bild. Gleichzeitig ist er unterwegs auf den Spuren seiner Vorfahren und stellt deren Erfahrungen der heutigen Situation gegenüber. Das macht dieses Buch so intensiv.
Es ist bewegend, informativ und augenöffnend.