Ein Romangefühl, das Geschichte lebendig macht

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annajo Avatar

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Sein Leben lang hatte seine Großmutter Hedwig Krämer einen kleinen Akzent, den sich Michael Riepl nicht erklären konnte. Als Familie gibt es nur ihn, seine Schwester und seine Mutter. Nie hat Michael jemanden anderen aus der Familie kennengelernt. Jahre nach ihrem Tod überreicht ihm die Mutter die aufgeschriebenen Erinnerungen der Großmutter, die Michael in die Ukraine der 1930er- und 1940er-Jahre führen. Hedwig hat dort als Nachfahrin deutscher Auswanderer die ethnischen Säuberungen Stalins überlebt und erzählt in ihren Aufzeichnungen von dieser Zeit und ihrer Flucht aus der Ukraine.
Der Autor verknüpft gekonnt die Erinnerungen seiner Großmutter, teilweise wörtlich als Auszüge aus ihren Aufzeichnungen, mit seinen eigenen Erfahrungen aus der Arbeit für das Rote Kreuz, die ihn in die Ukraine, aber auch in andere Krisengebiete, führen. Er begibt sich auf Spurensuche, doch dann kommt ihm der russische Angriff in die Quere. Eindrucksvoll zieht der Autor Parallelen zwischen den historischen Ereignissen und zeigt so sehr deutlich auf, dass sich in den letzten hundert Jahren wenig verändert hat und es weiterhin ethnische Verfolgung und unnötiges Sterben gibt. Dabei erzählt er einfühlsam von eigenen Erlebnissen wie dem Austausch und der Identifizierung gefallener Soldaten, aber auch von den Erlebnissen seiner Großmutter. Besonders gut gefallen hat mir, dass seine eigene Geschichte nicht nur einen Rahmen bildet und dann “lediglich” die Aufzeichnungen von Hedwig eingefügt werden, sondern dass beide Geschichten eng verbunden sind, regelmäßig abwechseln und dass der Autor Hedwigs Geschichte selbst ausformuliert und nur hin und wieder wörtlich aus ihren Aufzeichnungen zitiert. Dabei wirkt das Buch weitgehend belletristisch und fast nie wie ein Sachbuch. Riepl streut historische Informationen gekonnt mit ein, sodass das Buch nie den erzählerischen Ton verliert. Gleichzeitig zeigt er deutlich auf, wie die historischen Ereignisse noch heute in der Region nachwirken, ohne dabei belehrend zu wirken. Auch wenn das Buch sich einer schweren Thematik widmet und mit seinem Fokus auf die Ukraine aktuell nicht ungewöhnlich ist, sticht es für mich doch durch den gelungenen Erzählstil und die Perspektive auf die sogenannten Schwarzmeerdeutschen und gleichzeitig auch andere Weltregionen heraus.