Eine Wertschätzung für das Leben

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
jenvo82 Avatar

Von

"Der Krieg folgte einer perversen Logik. Er inszenierte ein Verwechslungsspiel zwischen Gut und Böse. Jeder Wahnsinn hatte seine Opfer und seine Profiteure."

Inhalt

Michael Riepl arbeitet in diesem Roman das Leben seiner Großmutter zwischen der Ukraine, dem Kaukasus und Deutschland auf, basierend auf ihren Tagebucheinträgen, die sie Zeit ihres Lebens gepflegt hat. Als Teenager hat er sich noch recht wenig für die Vergangenheit seiner Vorfahren interessiert, doch als er selbst für diverse Hilfsorganisationen in der ganzen Welt tätig wird, nimmt er das ihm gewidmete Tagebuch als Grundlage für Recherchen zu diesem Roman und als Anlass, sich posthum dem Wirken seiner Großmutter zu widmen. Dabei erzählt er klar strukturiert in kurzen Kapiteln sowohl von seinen eigenen Erlebnissen in Kriegsgebieten des Ostens, als auch von Hedwig, die als eines von 4 Kindern schon jungerweise ein schweres, entbehrungsreiches Leben führen musste und doch niemals ihre Hoffnungen auf ein glückliches Gelingen aufgegeben hat und zielstrebig ihren Weg verfolgte - unabhängig von politischen Repressalien. Es ist eine Annäherung, zwischen Generationen, Familien und Entscheidungen – die in ihrem Zusammenspiel den Grundstein für die Gegenwart des Autors gelegt haben.

Meinung

Dieses Buch ist für mich eine echte Entdeckung, weil es sehr vielschichtig und einsichtig über die großen Lebensthemen referiert, weil es Werte reflektiert und dabei immer unterhaltsam bleibt. Die Grundstimmung wird getragen von einer Melancholie, die ich beim Themenschwerpunkt Leben in Kriegsgebieten definitiv erwarte und sehr gut verstehen kann – eine gewisse allumfassende Traurigkeit, die dennoch helle Momente und menschliche Nähe bietet. Die Beständigkeit des Lebens und der Gleichmut verstreichender Jahre, ziehen den Leser unweigerlich in die Erzählung hinein und hinterlassen ein tieferes Verständnis.

Auf Grund der Struktur des Buches, handelt es sich gleichermaßen um einen Roman, wie um ein Sachbuch, denn gerade die historischen Hintergründe der mannigfaltigen Kriegszustände, mit immer gleichen, unverständlichen Überschätzungen Einzelner gegenüber der Bevölkerung bringt einen traurigen Gleichmut mit sich. Manchmal entsteht beim Lesen der Eindruck, dass es egal ist, ob man das Jahr 1930 oder 2020 schreibt – Krieg, Völkermord und Ohnmacht allerorten – die Lernbereitschaft der Menschheit gegenüber ihren eigenen Gräueltaten geht gegen Null.

Auch die Gestaltung des Buches beurteile ich sehr positiv. Auf den Innenseiten des Buchdeckels findet sich eine Landkarte mit den Schauplätzen des Romans und der Text selbst wird hin und wieder durch historisches Bildmaterial aufgelockert.

Fazit

Für diese einprägsame, umfassende Erzählung vergebe ich begeisterte 5 Lesesterne. Ein hochinteressanter Text mit vielschichtigem Inhalt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kriegsnöten und Familiengeschichte, zwischen Spurensuche und Aufarbeitung, aber auch zwischen Menschlichkeit und Verachtung. Mit leichter Hand geschrieben, sehr gut recherchiert, historisch aufklärend und nicht wertend. Für mich jedoch das Wichtigste an diesem Buch: der Enkelsohn setzt seiner Großmutter ein Denkmal, für ihr Dasein, ihre Stärke, ihr Wirken als Ärztin – er bietet hier die Wertschätzung für ein ganzes Leben und führt mit humanitärer Hilfe ihr Erbe fort. Welches schönere Kompliment könnte man bekommen, wenn man jahrzehntelange Lebenseindrücke schriftlich festhält, um sie vielleicht irgendwann in der richtigen Art und Weise anerkannt zu wissen?