Interessant und horizonterweiternd

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Michael Riepl ist Jurist und Schriftsteller und fühlt sich schon seit längerem zu Osteuropa hingezogen, hat Russisch gelernt und ist mit einer armenischen Frau verheiratet. Für das Internationale Rote Kreuz hat er immer wieder in der Ukraine und am Kaukasus gearbeitet.

Doch es gibt auch einen entfernten familiären Hintergrund, mit dem er sich lange nicht detailliert auseinandergesetzt hat, weil er zu wenig über die damit verbundenen Details wusste: seine Großmutter Hedwig, ihm bekannt als liebevolle, gerne kochende Omi und angesehende pensionierte deutsche Landärztin, war in der Ukraine bzw. dann in der damaligen Sowjetunion geboren worden und aufgewachsen: im kleinen deutschsprachigen Dorf Altmontal als Tochter einer ukrainedeutschen Familie. Zehn Jahre hat die alte Frau damit verbracht, zwischen ihrem 75. und 85. Geburtstag mehrere hundert Seiten über ihre eigene und die Geschichte ihrer Familie zu verfassen, und diese ihrer Tochter und den beiden Enkeln, einer davon Michael Riepl, hinterlassen.

Dieses Material hat der Autor gelesen, sortiert und aufbereitet, und es mit detailliert recherchierten historischen Fakten sowie interessanten Erzählungen zu seinen eigenen Erfahrungen in der Ukraine in den 2010er Jahren und auch danach ab 2022 nach Ausbruch des aktuellen Krieges erweitert.

Herausgekommen ist ein sehr informatives und dabei gleichzeitig packend und interessant geschriebenes Werk, bei dem interessierte Leserinnen und Leser die Geschichte von Hedwig und ihrer Familie kennen lernen und dabei wie nebenbei viel über das Leben in der Ukraine und der Sowjetunion in den 1930ern und 1940ern erfahren können.

Hedwig war eine bemerkenswerte, sehr intelligente und ambitionierte Frau, die sich auch von den größten Widrigkeiten wie schlimmste Hungersnöte, Unterdrückung, Vertreibung und Diskriminierung und Verschleppung des Vaters in ein sibirisches Lager nicht aufhalten hat lassen, ihren Traum, Ärztin zu werden und also solche Menschen zu helfen, beharrlich zu verfolgen. Es ist also ein Porträt einer sehr besonderen Frau und eines sehr interessanten Lebens. Ergänzt wird das Buch durch Original-Zitate und Fotos und aus Hedwigs Nachlass.

Insgesamt ist es dem Autor gelungen, aus dem Nachlass seiner Großmutter ein packendes Werk zu schaffen, das ich allen, die sich für Familiengeschichten, Zeitgeschichte, Resilienz, aber auch für die aktuellen politischen Weltgeschehnisse und ihre Hintergründe interessieren, nur wärmstens empfehlen kann.