Potenzial verschenkt
Das Buch beginnt eigentlich mit einer starken Ausgangsidee: Im Sommer 2018 reist der Autor (gleichzeitig Ich-Erzähler) als freiwilliger Helfer in die Ostukraine. Eigentlich ist er Jurist, die Entscheidung für den Einsatz fällt eher aus dem Bauch heraus. Kurz vor der Abreise übergibt ihm seine Mutter die bislang kaum beachteten Lebenserinnerungen seiner Großmutter Hedwig, einer Russlanddeutschen, die in der Ukraine geboren wurde. Von diesem Moment an verknüpft das Buch zwei Erzählstränge: die Reise des Autors durch die Ukraine und die autobiografischen Aufzeichnungen seiner Großmutter, die unverändert in 'Schreibmaschinenschrift' wiedergegeben werden.
Gerade der zeitliche Ausgangspunkt machte die Lektüre für mich zunächst besonders interessant. Der Autor schildert die Ukraine des Jahres 2018 – also ein Land, das bereits von der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass geprägt ist, lange bevor der russische Großangriff 2022 weltweit Aufmerksamkeit erzeugte. Besonders eindrücklich sind seine Beobachtungen aus der Hilfsorganisation, in der nahezu alle Mitarbeitenden aus dem Donbass stammen, vor den Separatisten geflohen sind und selbstverständlich Russisch sprechen. Solche Szenen machen deutlich, wie wenig sich die Region auf einfache Gegensätze reduzieren lässt. Wenn der Autor schreibt, der Donbass sei zu komplex für einfache Wahrheiten, ist das für mich eines der zentralen Take-Aways des Buches.
Auch die Lebensgeschichte der Großmutter ist faszinierend. Sie führt von den deutschen Siedlungen in der Ukraine über Enteignung, Vertreibung und Hunger während der stalinistischen Verfolgungen bis nach Aserbaidschan, wo Hedwig ihre Schulzeit verbringt. Später kehrt sie in die Ukraine zurück, absolviert eine Ausbildung zur Hilfsärztin und erlebt schließlich den Einmarsch der Wehrmacht, die sie zunächst als Deutsche schützt, deren Grausamkeit sie jedoch bald ebenso deutlich erkennt. Immer wieder vermittelt der Autor dabei historisches Hintergrundwissen über die deutschen Siedler*innen in der Ukraine oder die politischen Entwicklungen der Sowjetunion.
Problematisch ist für mich aber die Art, wie beide Ebenen miteinander verbunden werden: Die Idee, Gegenwart und Familiengeschichte ineinanderzuspiegeln, ist grundsätzlich überzeugend. Tatsächlich bewegt sich der Autor auf seiner Reise häufig genau durch jene Regionen, in denen sich Jahrzehnte zuvor bereits seine Großmutter aufgehalten hatte – teilweise sogar, bevor er überhaupt von ihrer Geschichte wusste. Darin liegt ein spannendes Motiv einer unbewussten familiären Verbundenheit, das jedoch kaum weiterentwickelt wird.
Stattdessen bleibt das Buch über weite Strecken recht indifferent. Es ist weder ein packender Reisebericht noch ein historischer Familienroman. Immer wieder unterbrechen Berichte aus der Gegenwart, etwa über Einsätze im Kongo, Wahlbeobachtungen in Aserbaidschan oder persönliche Begegnungen, den Erzählfluss der Familiengeschichte. Gleichzeitig wirken auch die Erinnerungen der Großmutter häufig eher dokumentarisch als erzählerisch. Man bleibt sich ständig bewusst, einen Bericht zu lesen, statt in eine erzählte Welt einzutauchen.
Gerade im Vergleich zu Autorinnen wie Nino Haratischwili wird diese Schwäche deutlich. Deren Romane vermitteln historische Zusammenhänge, indem sie Leser*innen vollständig in ihre Figuren und deren Lebenswelt hineinziehen. Hier hingegen tritt der Autor als berichtender Ich-Erzähler stets zwischen Geschichte und Leserschaft. Dadurch entsteht Distanz und viele Passagen geraten ziemlich langatmig.
Hinzu kommt eine m. E. auffällige Unausgewogenheit der Gewichtung. Einzelne Abschnitte, etwa Hedwigs Tätigkeit als Hilfsärztin, werden sehr ausführlich geschildert, während andere Fragen, die während der gesamten Lektüre Spannung aufbauen, erstaunlich knapp behandelt werden. Besonders enttäuschend ist, dass der Weg Hedwigs nach Deutschland bzw. ins Deutsche Reich, auf den das Buch lange hinzuarbeiten scheint, erst ganz am Ende und vergleichsweise beiläufig erzählt wird.
Die historischen Quellen der Großmutter eröffnen Einblicke in wenig bekannte Kapitel deutsch-ukrainischer Geschichte und immer wieder gelingen dem Autor kluge Beobachtungen über Identität, Erinnerung und die Komplexität Osteuropas. Am Ende bleibt jedoch der Eindruck eines Buches, das seine Möglichkeiten nicht ausschöpft. Aus dem faszinierenden Stoff über Familiengeschichte, Krieg, Migration und Erinnerung hätte ein mitreißendes erzählerisches Werk entstehen können. Stattdessen steht man über weite Strecken neben der Geschichte, anstatt in sie hineingezogen zu werden. Für mich wurde hier viel Potenzial verschenkt
Gerade der zeitliche Ausgangspunkt machte die Lektüre für mich zunächst besonders interessant. Der Autor schildert die Ukraine des Jahres 2018 – also ein Land, das bereits von der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass geprägt ist, lange bevor der russische Großangriff 2022 weltweit Aufmerksamkeit erzeugte. Besonders eindrücklich sind seine Beobachtungen aus der Hilfsorganisation, in der nahezu alle Mitarbeitenden aus dem Donbass stammen, vor den Separatisten geflohen sind und selbstverständlich Russisch sprechen. Solche Szenen machen deutlich, wie wenig sich die Region auf einfache Gegensätze reduzieren lässt. Wenn der Autor schreibt, der Donbass sei zu komplex für einfache Wahrheiten, ist das für mich eines der zentralen Take-Aways des Buches.
Auch die Lebensgeschichte der Großmutter ist faszinierend. Sie führt von den deutschen Siedlungen in der Ukraine über Enteignung, Vertreibung und Hunger während der stalinistischen Verfolgungen bis nach Aserbaidschan, wo Hedwig ihre Schulzeit verbringt. Später kehrt sie in die Ukraine zurück, absolviert eine Ausbildung zur Hilfsärztin und erlebt schließlich den Einmarsch der Wehrmacht, die sie zunächst als Deutsche schützt, deren Grausamkeit sie jedoch bald ebenso deutlich erkennt. Immer wieder vermittelt der Autor dabei historisches Hintergrundwissen über die deutschen Siedler*innen in der Ukraine oder die politischen Entwicklungen der Sowjetunion.
Problematisch ist für mich aber die Art, wie beide Ebenen miteinander verbunden werden: Die Idee, Gegenwart und Familiengeschichte ineinanderzuspiegeln, ist grundsätzlich überzeugend. Tatsächlich bewegt sich der Autor auf seiner Reise häufig genau durch jene Regionen, in denen sich Jahrzehnte zuvor bereits seine Großmutter aufgehalten hatte – teilweise sogar, bevor er überhaupt von ihrer Geschichte wusste. Darin liegt ein spannendes Motiv einer unbewussten familiären Verbundenheit, das jedoch kaum weiterentwickelt wird.
Stattdessen bleibt das Buch über weite Strecken recht indifferent. Es ist weder ein packender Reisebericht noch ein historischer Familienroman. Immer wieder unterbrechen Berichte aus der Gegenwart, etwa über Einsätze im Kongo, Wahlbeobachtungen in Aserbaidschan oder persönliche Begegnungen, den Erzählfluss der Familiengeschichte. Gleichzeitig wirken auch die Erinnerungen der Großmutter häufig eher dokumentarisch als erzählerisch. Man bleibt sich ständig bewusst, einen Bericht zu lesen, statt in eine erzählte Welt einzutauchen.
Gerade im Vergleich zu Autorinnen wie Nino Haratischwili wird diese Schwäche deutlich. Deren Romane vermitteln historische Zusammenhänge, indem sie Leser*innen vollständig in ihre Figuren und deren Lebenswelt hineinziehen. Hier hingegen tritt der Autor als berichtender Ich-Erzähler stets zwischen Geschichte und Leserschaft. Dadurch entsteht Distanz und viele Passagen geraten ziemlich langatmig.
Hinzu kommt eine m. E. auffällige Unausgewogenheit der Gewichtung. Einzelne Abschnitte, etwa Hedwigs Tätigkeit als Hilfsärztin, werden sehr ausführlich geschildert, während andere Fragen, die während der gesamten Lektüre Spannung aufbauen, erstaunlich knapp behandelt werden. Besonders enttäuschend ist, dass der Weg Hedwigs nach Deutschland bzw. ins Deutsche Reich, auf den das Buch lange hinzuarbeiten scheint, erst ganz am Ende und vergleichsweise beiläufig erzählt wird.
Die historischen Quellen der Großmutter eröffnen Einblicke in wenig bekannte Kapitel deutsch-ukrainischer Geschichte und immer wieder gelingen dem Autor kluge Beobachtungen über Identität, Erinnerung und die Komplexität Osteuropas. Am Ende bleibt jedoch der Eindruck eines Buches, das seine Möglichkeiten nicht ausschöpft. Aus dem faszinierenden Stoff über Familiengeschichte, Krieg, Migration und Erinnerung hätte ein mitreißendes erzählerisches Werk entstehen können. Stattdessen steht man über weite Strecken neben der Geschichte, anstatt in sie hineingezogen zu werden. Für mich wurde hier viel Potenzial verschenkt