Zutiefst berührend und erhellend

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
kathrin26 Avatar

Von

Ist es Zufall, dass ein junger Mann, der beschließt, als Freiwilliger humanitäre Arbeit in Kriegsgebieten zu leisten, dabei in einer Gegend ankommt, in der ca. 100 Jahre vorher seine Großmutter geboren wurde und auch einen Krieg miterlebte?

Als er seiner Mutter erklärt, er wolle nach dem zweiten juristischen Staatsexamen ausgerechnet in der Ukraine etwas Sinnvolles machen, überreicht sie ihm dreihundertvierzehn Seiten Erinnerungen seiner Großmutter.

Michael Riepl gelingt mit „Ferne Heimat Altmontal“ ein großer Wurf.

Schon auf den ersten Seiten bekommt man alle Erzählfäden in die Hand: die Kindheit und Jugend (1919 -1942) seiner Großmutter Hedwig in Altmontal und Annenfeld werden in letzter Sekunde vor dem Abflug des Erzählers über den Scanner in sein Reisegepäck gebracht. Dabei denkt er an die eigenen Kindheitserlebnisse mit ihr, an eine Zeit, in der das späte Tagebuch entstanden ist. Und in der Ukraine angekommen eröffnet sich ein Zeitfenster von 2018 bis 2025.
Wie beim Weben eines Teppichs werden alle Fäden abwechselnd benutzt, sodass am Ende ein herausragendes Bild entsteht.


Hedwig Krämer steht im Vordergrund als Deutsche in einem deutschen Dorf mitten in der Ukraine. Sie erlebt grausamen Hunger und – wie durch ein Wunder – den Geschmack der besten Früchte ihres Lebens. Gleichsam wird sie zur Folie ihres Enkels, der namenlos zwischen den Zeilen zu einem Bild erwächst, das man mit dem Foto des Autors abgleichen kann. Beide erleben die Hölle des Krieges auf ihre Weise. Beide bleiben nicht in Meinungen und Resignation stecken. Beide verbinden Tatkraft und Zuversicht.

Mit dem Handwerkszeug eines Forschers der Akademie für europäischen Menschenrechtsschutz lässt Michael Riepl eine große Bandbreite von Informationen einfließen, ohne das Werk mit Quellen zu überfrachten. Genau das gibt dem Leser die Kompetenz des Verstehens. Eine zutiefst menschliche Erkenntnis wird in einfache, klare Sätze gekleidet: „Der Krieg folgte einer perversen Logik. Er inszeniert ein Verwechslungsspiel zwischen Gut und Böse.“ Die Bilder des Krieges gleichen sich im Kongo, in Armenien, in der Ukraine – zu jeder Zeit.
Mit der Wiederholung von kleinen Details macht der Autor uns auf folgenden Seiten zu Insidern. Niemals kommt es zu einem Knoten; jeder Faden legt sich an den anderen und bildet einen Kontrast zum Vorherigen. Es ist leicht mit ihm durch die Zeitebenen zu springen. Einmal begonnen fällt es schwer, das Buch aus den Händen zu legen. Das entstandene Bild wirkt wie „Der Dnepr am Morgen“ auf dem Schutzumschlag.

Dieser Roman ist uneingeschränkt lesenswert für jeden, der die Bedeutsamkeit der eigenen Wurzeln kennt und erfahren möchte, wie man dieses Wissen mit der eigenen Gegenwart zu etwas Höherem verknüpft.