Für alle, die Spannung wollen ohne auf echte Charaktertiefe verzichten zu müssen

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itsnotabouthappyendings Avatar

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Ich bin, das muss ich dazu sagen, noch ein Thriller-Neuling. Firewatch war also ein kleines Experiment für mich, und es ist eines, das ich nicht bereue.

Die Grundprämisse ist so simpel wie fies: Robin weiß, wer seinen besten Freund Aaron getötet hat. Die Polizei tut nichts. Also tut er es selbst, auf die einzig mögliche Art, die er sich vorstellen kann: Er nähert sich dem Verdächtigen an, gewinnt sein Vertrauen, sucht nach Beweisen. Was dabei niemand einkalkuliert hat, auch Robin nicht: dass Gefühle sich nicht einfach ausschalten lassen, nur weil man sie strategisch geplant hat.

Was mich von der ersten Seite an überrascht hat, war der Schreibstil. Colin Hadler schreibt mit einer Sogwirkung, die ich so nicht erwartet hatte. Kein unnötiges Aufblähen, kein Tempo um des Tempos willen, sondern ein Rhythmus, der sich ganz natürlich anfühlt. Ich bin durch die Seiten gelaufen, nicht gerannt, und trotzdem wollte ich nie aufhören.

Die Charaktere sind der eigentliche Kern. Robin und Kian sind keine Symbole oder Funktionen der Handlung, sie sind Menschen mit echten Widersprüchen. Robins innerer Konflikt zwischen dem, was er will, und dem, was er tun zu müssen glaubt, ist das Herzstück des Buches und es schlägt laut.

Was ich persönlich übersprungen habe: die expliziten Szenen. Das ist eine persönliche Präferenz, und ich sage das ausdrücklich, weil es dem Gesamterlebnis keinen Abbruch getan hat. Die Geschichte trägt sich auch ohne sie.

Mein einziger echter Kritikpunkt betrifft das Finale. Nach einem so sorgfältigen, geduldigen Aufbau wirkt der Schluss gehetzt. Die Auflösung passiert schnell, vielleicht zu schnell, und der emotionale Abschluss bekommt nicht den Raum, den er verdient hätte.

Für wen ist Firewatch das Richtige? Für alle, die Spannung wollen ohne auf echte Charaktertiefe verzichten zu müssen. Für Thriller-Einsteiger wie mich, aber auch für erfahrene Genre-Leser, die gute Handwerksarbeit zu schätzen wissen. Und für alle, die wissen wollen, ob Vertrauen und Betrug gleichzeitig existieren können, ohne dass einer der beiden Begriffe dabei lügt.

4 von 5 Sternen, und ich würde es sofort weiterempfehlen.