300 Seiten für fünf Minuten

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bella0070 Avatar

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Fünf Fremde am Bahnsteig, einer wird die nächsten fünf Minuten nicht überleben. Da ist die Mutter Emma mit ihrem Sohn Gideon, der spielsüchtige Sonny, der Geschäftsmann Liam und die pensionierte Rechtsmedizinerin Mrs Worth, deren Leben sich in den nächsten 5 Minuten nachhaltig verändern wird. Wen wird es treffen?

Fünf Minuten, die ein ganzes Buch füllen sollen, schon diese Prämisse hat mich neugierig gemacht. Beim Lesen fällt auf, dass diese fünf Minuten auf dem Bahnhof nur einen kleinen Teil des Buches darstellen, den größeren Teil nehmen die Lebensgeschichten der fünf Hauptcharaktere ein. Das hat mich zunächst irritiert, doch mit dem Fortschreiten der Handlung haben mich die Lebensgeschichten immer mehr gefesselt.

Alle fünf Protagonisten haben einen eher schwierigen Charakter und befinden sich in einer Lebenskrise, sind aber ansonsten recht unterschiedlich. Zunächst erscheinen manche von ihnen unsympathisch, schnell wird ein Urteil gefällt. Doch wenn man ihre Lebensgeschichten kennenlernt, kann man verstehen, warum sie so geworden sind und warum sie so handeln. Vor allem die Lebensgeschichte von Mrs Worth hat mich berührt und meine Meinung über sie verändert.

Der Schreibstil ist interessant, aber eigenwillig und gewöhnungsbedürftig. Die Handlung wird von einem eher distanzierten Erzähler geschildert, der den Leser teilweise mit "Sie" anspricht und ihn auffordert, genauer hinzusehen, als würde man ein Standbild betrachten, fast wie ein Kommentator eines Tierfilms. Dieser Schreibstil hat mich fasziniert, war aber zum Teil auch irritierend.

Die Autorin Ilona Bannister hält ihren Lesern gekonnt den Spiegel vor und zeigt, wie schnell wir über andere Menschen urteilen. Sie stellt am Schluss die moralische Frage, wen wir hätten sterben lassen und wer von den fünf Protagonisten es verdient hat zu leben. Five ist ein psychologisch tiefgründiges Buch über Menschlichkeit und Vorurteile und schließt mit der Aufforderung, genauer hinzusehen.

Ein sehr eigenwilliges Buch, das mir gerade wegen seiner tiefgründigen Beschreibungen und der schon fast voyeuristischen Sicht auf das Leben anderer gefallen hat. Positiv fand ich, dass am Ende ein Ausblick darauf gegeben wird, wie sich das Leben der einzelnen Menschen danach weiterentwickelt. Allerdings waren mir die letzten paar Seiten etwas zu lang, das hätte man meiner Meinung nach etwas kürzen können.

FAZIT: Ein Buch, das durch seinen Schreibstil interessant, aber nicht einfach und schon gar nicht bequem ist und zum Nachdenken anregt. Ich empfehle es Lesern, die gerne etwas über ihr gewohntes Raster hinaus lesen und sich auf einen ungewöhnlichen Schreibstil einlassen möchten.