Ein Buch, das unbequem sein darf

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skymichaelis Avatar

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In dem Buch lernen wir fünf unterschiedliche Protagonist*innen kennen, die auf einen einfahrenden Zug warten. Zu Beginn sind sie Fremde und in einzelnen Abschnitten erfahren wir nach und nach mehr über ihre Geschichten und Hintergründe.



Die Passagen am Bahnhof haben mir dabei weniger gut gefallen. Vieles drehte sich um Oberflächlichkeiten und gleichzeitig hatte ich zunehmend das Gefühl, dass die Autorin von Abschnitt zu Abschnitt stärker lenken wollte, was man als Leser*in über die Figuren denken und fühlen soll. Positiv fand ich dagegen, dass sich manche der einzelnen Geschichten am Ende miteinander verbinden.



Der Schreibstil ist klar charakterfokussiert und weniger auf Action ausgelegt. Die Handlung lebt vor allem von den Figuren und ihren Problemen. Dazu kommt schwarzer Humor, den ich persönlich stellenweise sehr mochte, an anderen Stellen allerdings auch etwas zu viel fand.



Die Protagonist*innen sind allesamt Menschen mit Problemen, machen Fehler und verhalten sich nicht immer korrekt. Das wird von der Autorin teilweise bewusst überspitzt dargestellt. In meiner Leserunde sorgte genau das bei vielen für wenig Sympathie mit den Figuren und entsprechend wenig Freude am Buch.



Gerade deshalb halte ich diesen Aspekt aber für wichtig. Es handelt sich für mich vor allem um Charakterstudien, bei denen überhaupt kein Wert darauf gelegt wurde, die Figuren möglichst sympathisch, perfekt oder moralisch korrekt darzustellen. Mich hat das beim Lesen nicht gestört. Figuren müssen für mich nicht zwingend sympathisch sein. Sie müssen die Handlung tragen und das haben sie in diesem Fall getan.



Am Ende fand ich einige Aspekte zunächst kritisch. Mit ein paar Tagen Abstand wurde mir allerdings klar, dass manches davon vermutlich sehr bewusst gesetzt wurde. Konkrete Beispiele lasse ich an dieser Stelle bewusst aus. Das Buch spielt stark mit Moral, Schwarz-Weiß-Denken und Schubladen. Gleichzeitig wird immer wieder die Frage in den Raum gestellt, wem man den Tod wünscht.



Das Interessante daran war für mich letztlich auch die Leserunde selbst. Die meisten Leser*innen wollten niemandem tatsächlich den Tod gönnen, trotzdem wurde teilweise ordentlich Character Bashing betrieben. Davon schließe ich mich selbst nicht aus, wobei ich eigentlich nur eine Figur wirklich absolut nicht ausstehen konnte.



Es wurden Figuren miteinander verglichen, beispielsweise weil zwei von ihnen mit Neurodivergenz in Verbindung gebracht wurden. Dabei ist Neurodivergenz ein Überbegriff für unterschiedliche neurologische Ausprägungen. So wie Natur ein Überbegriff für ganz unterschiedliche Dinge wie Bäume, Wiesen und Flüsse ist. Zwei Menschen können also beide neurodivergent sein und sich trotzdem in ihren Eigenschaften, Bedürfnissen und ihrem Verhalten massiv voneinander unterscheiden.



Auch bei zwei Müttern wurde ein Gut-Böse-Kontrast hergestellt, den ich selbst beim Lesen gar nicht so empfunden hatte. Viel mehr habe ich darin eine Kritik an unserem schnellen Urteilen gesehen. Wenn etwas schiefläuft, jemand etwas falsch macht und vielleicht sogar das Verhalten eines Kindes darunter leidet, landet die Schuld gesellschaftlich noch immer sehr schnell bei der Mutter. So zumindest mein Eindruck.



Gerade in den stilleren Momenten des Buches, hinter dem bissigen Sarkasmus, habe ich deshalb einen Appell an mehr Sanftmut verstanden. Wir müssen nicht alles gut finden, was jemand tut. Wir müssen auch nicht jeden mögen. Vielleicht können wir aber trotzdem versuchen, erst zu verstehen, bevor wir urteilen.



Gerade dadurch hat mir die Leserunde im Nachhinein gezeigt, welche Stärke in diesem Buch steckt. Obwohl ich während des Lesens zeitweise dachte, ich hätte es vielleicht lieber allein gelesen, weil ich mich mit einigen Diskussionen nicht besonders wohlgefühlt habe, wurde dadurch deutlich, wie unterschiedlich man dieselbe Geschichte wahrnehmen kann.



Am Ende gönnt dann eben doch niemand wirklich jemandem den Tod, weil wir alle mitfühlende Menschen sind und nie einen schlechten Gedanken haben 🤯. Ich persönlich fand tatsächlich nur eine Figur wirklich abstoßend. Daher habe ich auch kein Ranking erstellt, wie es die Autorin eigentlich nahelegt.



Vielleicht beeinflusst meine persönliche Erfahrung mit einem Menschen, der ihm in einigen Punkten ähnelte, meine Wahrnehmung dabei. Ich musste erleben, welches Leid ein solcher Mensch anderen und sogar den eigenen Kindern zufügen kann. Was ich im Folgenden beschreibe, ist deshalb ausdrücklich meine persönliche Wahrnehmung der Figur und keine Diagnose.



Auf mich wirkte er wie ein Mensch mit narzisstischen Zügen und einem ausgeprägten Gott-Komplex. Innerhalb des Buches werden meiner Wahrnehmung nach eher die ersten Kippmomente gezeigt, bevor eine solche Dynamik ins Extreme geht. Wenn man selbst Berührungspunkte mit solchen Dynamiken hatte, können einem bestimmte Muster möglicherweise schneller auffallen. Ohne diese Erfahrung könnte man die Figur dagegen womöglich als deutlich harmloser wahrnehmen.



Genau das fand ich interessant und gleichzeitig erschreckend. Solche Dynamiken können gefährlich sein, weil Betroffene häufig erst spät erkennen, was tatsächlich passiert. Zuvor lassen sich für problematisches Verhalten immer wieder Erklärungen und Ausreden finden, die es zunächst nachvollziehbar oder sogar entschuldbar erscheinen lassen.



Für mich war es deshalb interessant zu sehen, wie sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Lebensrealitäten beeinflussen, wie wir Figuren beurteilen und was wir in ihnen erkennen oder eben nicht erkennen. Eine weitere Figur wurde sogar im Buch mit Narzissmus in Verbindung gebracht, die ich persönlich nicht in diese Muster einordnen konnte. So entpuppt sich der Roman subtil als ein Spiel mit Wahrnehmung verschiedener Personen. Welche Macht haben Worte, wenn einmal ein Label über eine Person gelegt oder in eine bestimmt Richtung gelenkt wird?



Auch das Nachwort hat in meiner Leserunde bei einigen für Wut gesorgt. Ich kann das zumindest teilweise nachvollziehen, da manche Formulierungen unglücklich gewählt waren. Trotzdem möchte ich hier ausdrücklich kein Bashing betreiben. Die Autorin ist selbst Mutter neurodivergenter Kinder und ich kann als Mensch mit AuDHS die Trauer und Frustration über eine zunehmend auf neurotypische Menschen ausgerichtete Gesellschaft durchaus nachvollziehen.



Von daher: No Hate.



Insgesamt denke ich, dass dieses Buch eine Geschichte ist, die jeder anders erleben wird und die sehr unterschiedliche Gedanken und Gefühle auslösen kann. Ich hatte selten in einer Leserunde so stark das Gefühl, ein völlig anderes Buch gelesen zu haben als viele andere Teilnehmer*innen.



Für mich war es definitiv eine Erfahrung wert.



Fazit: Bücher müssen nicht immer Cozy-Gefühle wecken. Sie dürfen auch mal unangenehm sein. Dieses Buch war für mich genau das. Nicht in jeder Hinsicht angenehm, nicht jede Entscheidung, nicht einmal jede Formulierung hat mir gefallen und auch der schwarze Humor war mir stellenweise zu viel. Trotzdem hat mich die Geschichte gerade durch ihre unbequemen Figuren, ihre moralischen Fragen und die sehr unterschiedlichen Reaktionen darauf beschäftigt. Und vielleicht ist genau das die größte Stärke des Buches.