Die Geschichte einer Familie und eines Landes

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biancaneve_66 Avatar

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Mit „Fliegt, Wilde Schwäne“ verwebt Jung Chang die Geschichte ihrer Familie mit der Geschichte Chinas vom Ende der Mao-Ära und dem Beginn der Reformen unter Deng XiaoPing bis in die Gegenwart. Die Fortsetzung ihrer vor 40 Jahren erschienenen Familienchronik „Wilde Schwäne“ zeigt den Wandel des Landes vom isolierten Staat zur Weltmacht auf. Da sie im Buch auch die Probleme des Regimes bearbeitet, sind Jung Changs Bücher in China nach wie vor verboten.
Den ersten Teil dieser Familiengeschichte habe ich nicht gelesen, daher fehlt mir der Vergleich dazu. Da die Ich-Erzählerin in den 20 Kapiteln chronologisch erzählt, wäre das Lesen von „Wilde Schwäne“ zum genaueren Kennenlernen der Familie sicher interessant, ist aber nicht zwingend notwendig.
Das Cover ist einfach gehalten, mit hellen Silhouetten von Schwänen auf rotem Hintergrund. Auf den Innendeckeln befindet sich eine Landkarte Chinas. Neben dem Inhaltsverzeichnis gibt es auch eine tabellarische Aufzählung wichtiger Daten. Außerdem befinden sich zahlreiche - auch private Fotografien – im Buch.
Die Autorin verwendet eine kühle, recht nüchterne Sprache. Zeitweise liest sich das Buch wie ein Bericht, selbst wenn es um Familiäres geht. Ich kann nicht beurteilen, ob dies an der Übersetzung liegt, oder einfach am unterschiedlichen kulturellen Hintergrund, den ich nicht mit der Autorin teile. Andererseits hängt ihr Familienleben sehr eng mit der politischen Lage Chinas zusammen. Vielleicht ist diese distanzierte Erzählweise hier die geeignetste Form, historische Fakten und Familiäres unter einen Hut zu bringen, ohne sich zu sehr von Emotionen leiten zu lassen.
Das Buch scheint sehr gut recherchiert. Die Geschehnisse erstrecken sich über den Zeitraum der Kindheit bis in unsere Gegenwart. Teils wirkt die Schilderung dieser Ereignisse wie eine Aneinanderreihung von Anekdoten und vielen Rückblicken. Außerdem sind in ungefähr einem Fünftel des Buchs, das die Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts behandelt, keine unmittelbaren Bezüge zur Familiengeschichte spürbar. Hier wird rein historischen Begebenheiten Platz eingeräumt. Viel Raum nimmt auch die Beschreibung der Recherche für die Mao-Biografie und andere Bücher ein. Dafür, und auch für dieses vorliegende Buch, interviewt für Ihre Bücher auch immer wieder wichtige Persönlichkeiten oder deren Angehörige. Trotz dieser Längen, bleibt es aber ein interessantes erzählendes Sachbuch der Geschichte Chinas. Chronologisch erläutert das Buch Hungersnot, Kulturrevolution, Anklageversammlungen, Öffnung der Universitäten, Hungerstreik der Studierenden, vorsichtige Liberalisierung und Reformen, wirtschaftlichen Aufschwung und damit eine Entwicklung hin zu einer von Geld besessenen Gesellschaft. In der jüngsten Vergangenheit durch Xi Jinpings Regentschaft erkennt die Autorin wieder eine Atmosphäre im Land, die mit jener zu Maos Zeiten vergleichbar ist.