Eindrucksvolles Zeitzeugnis

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Beeindruckendes Zeitzeugnis
Jung Chang gewährt mit „Fliegt, Wilde Schwäne“ Einblicke in ihre Familiengeschichte und das Aufwachsen im China des 20. Jahrhunderts.

Die chinesischstämmige britische Schriftstellerin, geboren 1952, wuchs unter der Herrschaft Mao Zedongs auf. Ihre Eltern erlebten die Herrschaft Chiang Kai-sheks, den Krieg gegen die japanische Invasion, den Bürgerkrieg zwischen der Kuomintang und den Kommunisten sowie die Gründung der Volksrepublik Chinas unter Mao. Bekanntheit erlangte Chang mit dem Vorgänger von „Fliegt, Wilde Schwäne“: „Wilde Schwäne. Die Geschichte einer Familie. Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute“ sowie der im Jahr 2005 gemeinsam mit ihrem Ehemann Jon Halliday veröffentlichen Biografie zu Mao Zedong.

In „Fliegt. Wilde Schwäne“ schildert Chang zunächst ihre Kindheit und Jugend unter Mao und verwebt diese mit den Erfahrungen ihrer Familie. Schonungslos berichtet sie von zahlreichen Anklageversammlungen und Verhaftungen ihrer Eltern zwischen 1967 und 1968 und deren Verbannung in sogenannte „Kaderschulen“. Sie legt die Desillusionierung ihrer kommunistischen Eltern angesichts der großen Hungersnot 1958-1961 und der „Kulturrevolution“ offen und gibt Einblicke in das Leben im sozialistischen China Mitte des 20. Jahrhunderts.

So fragt sie sich „Uns wird gesagt, dass das sozialistische China das Paradies auf Erden ist. Wenn das das Paradies ist, was ist dann die Hölle?“

1973 beginnt sie ein Anglistikstudium und erhält durch ein Regierungsstipendium 1978 die Möglichkeit an der University of York zu studieren. Fortan lebt sie in England und kehrt nur als Besucherin nach China zurück. Insbesondere der zweite Teil des Besuches, in dem Chang ihr Aufeinandertreffen mit der „westlichen“ Welt schildert, hat mich besonders fasziniert. Was für uns alltäglich ist, war für sie weitgehend neu und unbekannt. Doch auch im Ausland hält die Regierung die Zügel in der Hand. So musste Chang beispielsweise Regeln für den Kontakt mit „Ausländern“ beachten, oder vorgegebene Kleidung tragen. Das Gesetz, das es Chinesen verbot, Ausländer zu heiraten, wurde erst 1983 aufgehoben.

Als erster Mensch aus dem kommunistischen China erhielt Chang von einer britischen Universität den Doktortitel und schlug später eine Karriere als Schriftstellerin ein. So handelt der dritte Teil des Buches von ihren Recherchereisen nach China für „Wilde Schwäne“ und für die Mao Biografie. Besonders die Treffen mit den Interviewpartnern schildert Chang detailliert und die Leserschaft erhält einen spannenden Einblick in das Leben wichtiger historischer Persönlichkeiten. Gleichzeitig zieht sich dieser Part ein wenig und wirkt in Teilen wie eine Rechtfertigung des Vorgehens im Rahmen der Mao Biografie, da diese nicht von allen aus der wissenschaftlichen Community wohlwollend aufgenommen wurde.

Interessant ist, dass Chang in der Phase der Reformen unter Deng Xiaoping noch weitgehend frei forschen konnte, was sich nach der Veröffentlichung der Biografie über Mao rapide änderte. Die Überwachung durch die Staatssicherheit nahm zu und sie verlor, auch aus Angst dieser, den Kontakt zu vielen Freunden. Es war ihr untersagt „regimekritische Personen“ zu treffen. Eine Angst war für sie jedoch weitaus relevanter: Die Angst, kein Visum zu erhalten und ihre Mutter nicht mehr besuchen zu können.

Durch das ganze Buch zieht sich die unerschütterliche und aufopfernde Liebe der Mutter Changs zu ihren Kindern, von der ich tief ergriffen war. Ihre Stärke, ihr Mut und ihre Integrität sind bewundernswert.Trotz der stets vorhandenen Sorge, dass Chang nach ihren Besuchen in China das Land nicht mehr verlassen darf und zahlreicher Repressalien, unterstützte ihre Mutter sie und ermöglichte ihr ein Leben in Freiheit. Chang erklärt: „Vor allem ihr ist es zu verdanken, dass ich heute frei leben und frei schreiben darf.“ An einer anderen Stelle beschreibt sie ihre Mutter als Schutzengel, der aus der Ferne auf sie aufpasste und ihr half, ihre Freiheit zu bewahren.

Für mich ist Changs Werk deshalb vor allem eins: die Geschichte sehr starker Frauen und ein Appell für Freiheit und Demokratie zu kämpfen, ohne den Optimismus zu verlieren. Absolut lesenswert!