Poetisches Familienepos und drastische China Geschichtsstunde

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brigitteb Avatar

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Jung Chang überrascht über 35 Jahre nach "Wilde Schwäne" mit der Fortsetzung ihrer chinesischen Familiengeschichte. Sie beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihrer Grossmutter zum Ende der Kaiserzeit. Sie war eine der letzten weiblichen Chinesinnen der Oberschicht, der noch die Füsse gebunden - sprich verkrüppelt worden sind im Namen der Tradition. Lebenslang litt die Grossmutter unter grössten Schmerzen und konnte kaum laufen. 1949 erlangte Mao die Macht und regierte mit grösster Brutalität. Während seiner 27-jährigen Herrschaft war er für schätzungsweise 70 Millionen Todesopfer verantwortlich. Alleine 37 Millionen Tote forderte die staatlich geförderte und kontrollierte grosse Hungersnot von 1958-61. Weiterer trauriger Höhepunkt war seine sogenannte Kulturrevolution von 1966-78, bei der Mao alles Alte zerschlagen wollte und seine Rotgardisten im ganzen Land grausam wüteten.

Auch die Autorin und ihre Familie mussten Schlimmes ertragen. Terror und Schrecken waren zum Alltag geworden und Denunziation, Folterungen und Inhaftierungen erschüttern die Familie. Da beide Eltern von Jung Chang nicht mehr auf der Linie der kommunistischen Partei lagen, waren alle in höchster Gefahr.

Der Autorin gelingt es, komplexe historische und politische Zusammenhänge auf einfachster Ebene begreifbar zu machen. Da sie das Ganze mit ihrer bewegten Familiengeschichte verbindet, geht einem das Buch wirklich nahe. Berührend, wie es in all dem Schrecken trotzdem viel Liebe und Zusammenhalt gab, massgeblich ermöglicht durch die starken Frauen der Familie. Ebenso herzzerreissend ist die Schilderung ihres persönlichen Weges nach England ins Exil, und welchen hohen Preis sie und ihre Familie dafür bis heute zahlen.