Solide, aber nichts Neues

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wanderdrache Avatar

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Bei diesem Roman fand ich beim Lesen lange nichts Negatives. Aber irgendwie auch nichts Positives und das war mein Problem. Schlecht gemacht ist das hier nicht, aber es ist so konventionell, dass ich irgendwann das Interesse verloren habe.

Schreibstil:

Der Schreibstil ist flüssig und erzeugt Bilder. Auch die Dialoge funktionieren. Der Text lässt sich also wunderbar lesen. Manchmal hat mir noch das gewisse Etwas gefehlt, vielleicht diese eine Metapher oder auch noch mehr Atmosphäre. Ich schwanke zwischen 4,5 und 5 und entscheide mich für den höheren Wert.

5 Sterne

Charaktere:

Die Figuren sind glaubhaft und individuell. Mir fehlt jedoch das Besondere. Ich fand teilweise Nebenfiguren interessanter als die Protagonist*innen. Wobei ja die Nebenfiguren auch in diese Bewertung einfließen sollen. Ich würde also sagen: Gut gemacht, aber nicht volle Punktzahl.

4,5 Sterne

Handlung und Struktur:

So, hier kommt nun mein im Grunde einziger, aber doch entscheidender Kritikpunkt. Normalerweise gebe ich einem Buch etwa 100-150 Seiten, um mich zu überzeugen. Ich finde, das ist viel. Diesem hier habe ich mehr als 200 Seiten gegeben. Als die dann aber verstrichen waren, wusste ich immer noch nicht, um was es eigentlich geht und mein Interesse, die Handlung weiterzuverfolgen, war extrem gering. Für sich genommen sind die einzelnen Kapitel gut und spannend gestaltet, zumindest oft (es gab auch welche, da passierte für mein Empfinden zu wenig). Allerdings verliert die erzeugte Dramatik dann oft schnell an Bedeutung. Nehmen wir beispielsweise Elvine: Ihr erstes Kapitel war extrem spannend, da wurde sehr viel Erwartung aufgebaut, eine ausgesprochen dramatische Wende. Und dann im nächsten Kapitel? Wirkt alles, was geschehen ist, ziemlich irrelevant. Ihr Leben entwickelt sich in eine andere Richtung. Eine Richtung, die nicht der entspricht, die das vorhergehende Kapitel nahelegt hätte. Und so reihen sich Szenen aneinander, die für sich genommen spannend sind, aber keinen übergreifenden Spannungsbogen aufbauen, zumindest nicht für mich. Die Anzahl der Perspektiven (5) ist da nicht hilfreich, denn sie sind nicht miteinander verbunden. Und so kam ich eben nach den genannten 200 Seiten an den Punkt, an dem ich überhaupt nicht wusste, wozu ich das Ganze noch weiterverfolgen sollte.

2 Sterne

Tiefgang:

Die Welt ist brutal. Für mein Empfinden teilweise unnötig brutal. Jedenfalls habe ich nicht verstanden, welchen Mehrwert die Brutalität hat. Sie ist wohl einfach Teil des Worldbuildings – und das mag ich nicht. Wenn schon gemetzelt wird, dann sollte das in meinen Augen auch immer einen Grund sein, der über Effekthascherei hinausgeht.

Positiv: Obwohl die Welt archaisch ist, ist sie nicht patriarchal – und funktioniert trotzdem. Allerdings: Sind eigentlich alle Frauen schön? Nun, sicher nicht alle, aber für mein Empfinden wurde die weibliche Schönheit ein paarmal zu oft betont. Nun, es gab auch gutaussehende Männer. Vielleicht übertreibe ich also. Keine Ahnung. Ich habe keine Strichliste geführt.

3,5 Sterne

Worldbuilding:

Hier stecken schon viele Ideen drin, wie diese Länder aussehen, wie sie regiert werden, wie die Gesellschaft funktioniert. Allerdings ist das nordisch angehauchte Setting an sich in meinen Augen etwas abgegriffen. Deswegen muss ich sagen: Insgesamt habe ich da die Innovation vermisst. Welten wie diese kennt man schon und was das Fantastische betrifft, wurde hier ebenfalls kaum etwas Ungewöhnliches hinzugefügt. Für mein Empfinden lag der Fokus des Worldbuildings auf den falschen Aspekten. Vielleicht weniger Gesellschaft und dafür mehr Magie?

4 Sterne

Der Roman war in vielerlei Hinsicht solide. Er ist gut geschrieben und bietet gute Charaktere. Es gibt Spannungsmomente und ein durchdachtes Worldbuilding. Allerdings: Nichts davon ist in irgendeiner Form neu! Der Roman ist eine gut gemachte Ansammlung von Elementen, die man schon zur Genüge aus vielen anderen Romanen kennt. Wer sich daran nicht stört, kann hier durchaus Freude haben. Wer einfach mal wieder, ein Nicht-Romantasy-Buch, ein Erwachsenen-Fantasy-Buch aus mehreren Perspektiven, brutal, rau, lesen will, kann hier getrost zugreifen. Man darf dabei nur einfach nicht auf Innovation hoffen. Deshalb denke ich, dass mir das Buch, hätte ich es vor zehn Jahren gelesen, vielleicht gut gefallen hätte. Doch in der Zwischenzeit habe ich so dermaßen viel Literatur dieser Art konsumiert, dass mich das Ewig-Selbe einfach nicht mehr fesseln kann.

Gesamtwertung: 3,8 Sterne, macht gerundet 4 Sterne