Ein Blick hinter die Kulissen

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Ich war noch nie in einem Nagelstudio, zweimal pro Jahr gibt’s bei mir eine Spontanlackierung im heimischen Badezimmer. Trotzdem fühlte ich mich sofort angezogen von den bunt lackierten Kunstnägeln, die mir auf dem Cover von Souvankham Thammavongsas „Frag nach Susan“ entgegenglänzten.

So poliert und farbenfroh das Äußere rüberkommt, so unglamourös und eintönig ist es im Inneren. Die Handlung des 203 Seiten starken Romans spielt an einem einzigen Sommertag in einem kleinen Nagelstudio einer nordamerikanischen Stadt. Alle Mitarbeiterinnen tragen mittellanges schwarzes Haar, schwarze Kleidung und alle heißen sie Susan, weil die Kundinnen und Kunden die richtigen Namen sowieso nicht aussprechen können.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Inhaberin Ning. Ihre Lebenseinstellung wird im ersten Satz deutlich: „Alle Menschen sind hässlich.“ Sie taxiert die Kunden und Mitarbeiterinnen voller Misstrauen, lässt niemanden so richtig in ihre Nähe, hat keine Beziehung. „Ich bin eine einköpfige Familie. Das geht nämlich auch.“ Sie ist hart geworden, nicht zuletzt in ihrer Zeit als Boxerin. Zwei Geheimnisse ziehen sich durch die Seiten: Ein fehlender Finger und ein gewisser Roger, von dem nicht ganz klar ist, ob es ihn wirklich gibt. Berührt haben mich die Textstellen, in denen Ning sich nach Nähe sehnt und es nicht schafft, das auszudrücken. Es scheint, als würde sie resignieren: „Ich bin jetzt schon so lange so, ich kann mich nicht einfach plötzlich ändern.“

Frag nach Susan ist ein Einblick in migrantische Arbeit im Niedriglohnsektor mit Alltagsrassismus, Sexismus, unterdrückten Wünschen und Existenzängsten. Ein Lichtblick in der Ohnmacht sind die derben Lästereien über die anwesenden Kunden, die die Mitarbeiterinnen in ihrer Muttersprache austauschen.

„Frag nach Susan“ habe ich In einem Rutsch durchgelesen. Ich mochte Ning, die Inhaberin, trotz ihrer schroffen Art und ihrer Unzugänglichkeit. Oder gerade deshalb.

Eine Leseempfehlung für alle, die sich für die Perspektive hinter den Kulissen der Schönheit interessieren.

Und jetzt geh ich mir die Nägel lackieren.