Interessantes Setting, blasse Figuren

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romy_abroad Avatar

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Ning fühlt sich am wohlsten, wenn sie den Duft von Nagellack in der Nase hat und all ihre Susans mit den Händen oder Füßen ihrer Kundinnen beschäftigt sind. "Susan" nennt sie jede einzelne ihrer Angestellten im Nagelstudio. Ihre richtigen Namen können die Kundinnen weder aussprechen noch behalten, also ist es so für alle am einfachsten. Zusätzlich kleiden sich die Susans gleich und tragen die gleiche Frisur. Klingt etwas freaky, doch die Kundinnen scheinen sich daran nicht zu stören.
Und so begleiten wir als Leser einen Tag voller Maniküren und Pediküren, gewachster Augenbrauen und massierter Hände. Wir erfahren mehr über Nings Vergangenheit als Boxerin, aber nichts über ihren fehlenden Finger. Wir lernen einige Kundinnen näher kennen, aber erfahren kaum etwas über die Susans. Der Salon ist ein eigener kleiner Kosmos, der im Gleichgewicht ist, solange alle Nagellack-Fläschchen ordentlich gefüllt sind, und sich die Kundinnen erstmal für eine Farbe entschieden haben. Ein eigenes Universum, in dem jedes Problem mit einem unschlagbaren Preis gelöst werden kann.
Ich war sehr neugierig auf diesen Roman, und habe mir spannende Einblicke in gesellschaftliche Sphären erhofft, die mir normalerweise verborgen bleiben. Diese Erwartungen konnte "Frag nach Susan" leider nicht erfüllen. Das Bild, das die Autorin zeichnet, bleibt bruchstückhaft. Sie schildert den Tag im Nagelstudio und gibt an der einen oder anderen Stelle auch Einblicke in die Vergangenheit von Ning, doch dadurch entsteht kein besonderer Mehrwert. Es sind Sprünge in der Zeit, keine Sprünge auf eine andere Bedeutungsebene. Ning bleibt als Charakter blutleer. Einige Beschreibungen wirken ungewollt repetitiv, insgesamt wirkt der Schreibstil unauffällig. Alle "Susans" haben eine Migrationsgeschichte, doch diese wird überhaupt nicht thematisiert. Auf ihre Andersartigkeit vielleicht, darauf, dass sie sich vor den Kundinnen untereinander in ihrer Muttersprache unterhalten. Und worüber? Sie lästern über die Frauen, deren Nägel sie lackieren oder deren Fußnägel sie schneiden. Wozu dieses Vorurteil reproduzieren? Vielleicht gibt es hier eine Bedeutungsebene, die sich mir nicht erschließt, eine Intention der Autorin, die ich nicht greifen kann. Ich musste beim Lesen allerdings immer wieder die Stirn runzeln, da die Geschichte nicht rund wirkt, bei mir kaum Gefühle ausgelöst hat (außer Verwirrung), und mir auch keine neuen Perspektiven eröffnet hat. Etwas schade, aber insgesamt liest sich "Frag nach Susan" eher wie eine etwas kryptische Kurzgeschichte. Kurzweilig ist das Buch zwar, aber viel Substanz hat es leider nicht.