Schroff und feinsinnig zugleich
Sie alle tragen Namensschilder, auf denen Susan steht. Die Kunden können das besser aussprechen. Die Haare schulterlang, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt. Es ist leicht, sie zu verwechseln, aber das macht nichts. Sie machen Maniküre, Pediküre, Facials, Waxing und Threading und sie hören sich Geschichten an. Die Leute erzählen ihre Ängste und Befürchtungen nicht ihrer Freundin, weil sie den schönen Schein wahren wollen, sie erzählen es nicht ihrer Therapeutin, weil die mitschreibt. Sie erzählen es dir, weil du niemand bist. Wenn Ning alias Susan auf dem Schemel vor den Kunden sitzt, glaubt man kaum, dass sie die Chefin ist, aber so ist es. Sie hat das Sagen. Sie kommt morgens als erste und geht als letzte, macht keinen Urlaub und wohnt über dem Laden in einem Ein-Zimmer-Appartement, das reicht ihr. Sie ist eine einköpfige Familie. Sie hätte es anders haben können, aber es hat sich nicht ergeben. Seit fünf Jahren steht sie jetzt auf eigenen Füßen. Davor stand sie im Boxring.
Sie war gut, das spürte sie und das spürte auch Murch. Er hat ihr vieles beigebracht, aber sie glänzte mit Talent. Sie hat einige Gegnerinnen auf die Bretter geschickt. Hatte eine eigene Technik entwickelt. Immer auf den Punkt unterhalb des Halses oberhalb des Brustbeins geguckt, damit ihre Augen sie nicht verraten. Und dann hat Murch sie ausgespuckt. Danach fing sie bei Rachel in ihrem Bird-Spa-Salon an. Rachel war ätzend. Wenn eines der Mädchen zu spät kam, fragte sie, ob sie die ganze Nacht bei ihrem Freund war und machte diese Vor-zurück-Bewegungen mit ihrem Becken und der ganze Laden lachte. Und dann hat Rachel sie ausgespuckt.
Fazit: Die laotisch-kanadische Dichterin und Autorin von ausgezeichneten Kurzgeschichten hat in ihrem Romandebüt einen Tag im Fingernagelstudio erzählt und dabei zahlreiche Botschaften eingefochten, um ein beeindruckendes Gesamtbild zu erschaffen. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin schildert in lakonischem Ton ihren Alltag als Chefin ihres kleinen Studios. Ihre drei Mitarbeiterinnen und sie sind ein wir, äußerlich kaum zu unterscheiden. Ganz so, wie man sich in einem kommunistischen Land fühlt, in dem Individualität nicht förderlich ist. Durch die Gespräche mit den Kundinnen, die sich eine Behandlung leisten können, wird der Klassenunterschied hervorgehoben. Auch rassistischen Anfeindungen gibt die Autorin Raum und öffnet ein Bewusstsein für die kollektiven Minderwertigkeitsgefühle der „Mädchen“. Hinter Nings schroffer Fassade, die jede Form von Nähe ablehnt, steckt eine durch und durch gutmütige und hilfsbereite Persönlichkeit und eine, die ihre Bedürfnisse unterdrückt. Ning sieht und hört alles. Durch die vorherige Boxausbildung sind ihre Sinne stets geschärft und diese Eindrücke teilt sie mir in ihren Gedanken mit. Was für eine feinsinnige Erzählung, die auf etwas mehr als 200 Seiten ein umfassendes gesellschaftliches Bild kreiert. Das intensive Ende hat mir den Atem geraubt.
Sie war gut, das spürte sie und das spürte auch Murch. Er hat ihr vieles beigebracht, aber sie glänzte mit Talent. Sie hat einige Gegnerinnen auf die Bretter geschickt. Hatte eine eigene Technik entwickelt. Immer auf den Punkt unterhalb des Halses oberhalb des Brustbeins geguckt, damit ihre Augen sie nicht verraten. Und dann hat Murch sie ausgespuckt. Danach fing sie bei Rachel in ihrem Bird-Spa-Salon an. Rachel war ätzend. Wenn eines der Mädchen zu spät kam, fragte sie, ob sie die ganze Nacht bei ihrem Freund war und machte diese Vor-zurück-Bewegungen mit ihrem Becken und der ganze Laden lachte. Und dann hat Rachel sie ausgespuckt.
Fazit: Die laotisch-kanadische Dichterin und Autorin von ausgezeichneten Kurzgeschichten hat in ihrem Romandebüt einen Tag im Fingernagelstudio erzählt und dabei zahlreiche Botschaften eingefochten, um ein beeindruckendes Gesamtbild zu erschaffen. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin schildert in lakonischem Ton ihren Alltag als Chefin ihres kleinen Studios. Ihre drei Mitarbeiterinnen und sie sind ein wir, äußerlich kaum zu unterscheiden. Ganz so, wie man sich in einem kommunistischen Land fühlt, in dem Individualität nicht förderlich ist. Durch die Gespräche mit den Kundinnen, die sich eine Behandlung leisten können, wird der Klassenunterschied hervorgehoben. Auch rassistischen Anfeindungen gibt die Autorin Raum und öffnet ein Bewusstsein für die kollektiven Minderwertigkeitsgefühle der „Mädchen“. Hinter Nings schroffer Fassade, die jede Form von Nähe ablehnt, steckt eine durch und durch gutmütige und hilfsbereite Persönlichkeit und eine, die ihre Bedürfnisse unterdrückt. Ning sieht und hört alles. Durch die vorherige Boxausbildung sind ihre Sinne stets geschärft und diese Eindrücke teilt sie mir in ihren Gedanken mit. Was für eine feinsinnige Erzählung, die auf etwas mehr als 200 Seiten ein umfassendes gesellschaftliches Bild kreiert. Das intensive Ende hat mir den Atem geraubt.