Vielleicht sind wir alle Susan.

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suewid Avatar

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Wenn man das Cover mit den bunten Fingernägeln von „Frag nach Susan“ sieht, glaubt man zunächst zu wissen, was einen erwartet: ein schlichter Frauenroman über Beautyprobleme, dessen bunte Nägel vom Titelbild verlockend anstrahlen.
Auch der Titel klingt nach etwas Beiläufigem. Nach einem kleinen Tipp, einem Insider, den man einer Freundin oder einem Freund geben würde.

Doch hinter Susan verbirgt sich weit mehr als nur eine Frau.
Susan ist der Name mehrerer Frauen, die in einem Nagelstudio arbeiten.
Es ist nicht ihr richtiger Name.
„Susan“ macht es der Kundschaft bequem. Niemand muss sich einen ungewohnten Namen merken oder sich die Mühe machen, die einzelnen Frauen als unterschiedliche Menschen wahrzunehmen.
Eigentlich würde das den Kundinnen und Kunden aber vermutlich ohnehin nicht auffallen. Sie wollen, dass diese Frauen unsichtbar bleiben und sich ganz um ihr Wohlbefinden kümmern.
An einem heißen Sommertag im August erleben wir gemeinsam mit Ning, der Chefin des Nagelstudios Susan’s, einen ihrer Arbeitstage.

Die laotisch-kanadische Dichterin und Autorin Souvankham Thammavongsa erschafft in ihrem Roman einen spannenden, humorvollen und stellenweise herzzerreißenden Mikrokosmos. Das gelingt ihr vor allem durch die einnehmende, kluge und aufmerksame Protagonistin.

Das hat mich besonders überrascht, denn Ning bleibt die meiste Zeit distanziert. Sie lässt weder ihre Kolleginnen noch uns als Leserschaft wirklich an sich heran. Sie hält vieles zurück und offenbart nur soviel von sich wie sie will.
Ning liebt ihre Arbeit. Mit ihrer Kundschaft sieht es allerdings anders aus. Ihr scharfer Blick auf sie enthüllt zwischenmenschliche Mängel, toxische Beziehungen, Sehnsüchte und Spannungen. Gleichzeitig zeigt er, wie privilegierte Menschen mit migrantischen Arbeiterinnen, obdachlosen Menschen und anderen gesellschaftlich benachteiligten Personen umgehen.

Die Klassenverhältnisse und Abhängigkeiten werden in der Geschichte sehr deutlich, dabei hatte ich nie das Gefühl, dass mir die Botschaft des Romans ständig erklärt werden muss. Vieles erschließt sich aus den Situationen selbst, aus Nings Beobachtungen und aus dem, was unausgesprochen bleibt. Besonders gut haben mir ihre tiefgreifenden inneren Monologe und die reflektierten Passagen gefallen.

Auch der schwarze Humor kommt nicht zu kurz. Wenn sich die Susan’s in ihrer Muttersprache über die Kundschaft auslassen, die kein Wort verstehen, musste ich mehr als einmal schmunzeln. Auf diese Weise ziehen sie eine eigene Grenze und schaffen sich innerhalb des Studios ein kleines Reich, das nur ihnen gehört.

Der Schreibstil ist schnell und knapp, passt aber hervorragend zum Inhalt: schnörkellos und manchmal hart wie Nings Boxhiebe. Er fängt schemenhaft Nings Vergangenheit ein, bringt ihren Wunsch nach guter Arbeit und zufriedener Kundschaft zum Ausdruck und schafft es dennoch, immer wieder zarte und verletzliche Momente einzuflechten.

Zum Beispiel, wenn Ning sich selbstlos um einen obdachlosen Mann kümmert. Sie begegnet ihm nicht von oben herab, sondern behandelt ihn selbstverständlich als Menschen und gibt ihm einen Moment, in dem er nicht übersehen wird. Oder wenn eine junge Mutter über das Muttersein und das Bereuen spricht.



Meine Bewertung: 5 von 5 Sternen

Mich hat „Frag nach Susan“ beeindruckt. Auf nur 207 Seiten entfaltet sich ein gesellschaftskritischer Roman, der vermutlich noch lange aktuell bleiben wird.

Ich würde mir wünschen, dass wir alle etwas aufmerksamer durch die Welt gehen und die Menschen stärker wahrnehmen und wertschätzen, die uns im Alltag helfen, beraten, versorgen oder einfach ihre Zeit schenken.

Vielleicht sind wir alle manchmal Susan.
Werden übersehen von anderen, sind aber auch blind für die Menschen, die direkt vor uns stehen.