Frei, verbunden – und irgendwo dazwischen hängt man dann doch am Haken

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besueandamy Avatar

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Dieses Buch möchte dir versprechen, dass du gleichzeitig autonom, geliebt, sicher, unabhängig, emotional offen, konfliktfähig und bitte auch noch entspannt sein kannst. Kurz: die eierlegende Wollmilchsau der Paartherapie im Taschenformat

Der Ton ist freundlich, klug, therapeutisch warm — und genau dadurch auch ein bisschen gefährlich. Denn vieles klingt so plausibel, dass man fast übersieht, wie stark die Verantwortung auf das Individuum geschoben wird:

Wenn Beziehung nicht funktioniert, dann liegt es an deinen Mustern, deinen Prägungen, deinem Bindungsstil.

Nicht unbedingt daran, dass zwei Menschen schlicht nicht auf Augenhöhe agieren — oder dass jemand strukturell mehr Macht, weniger Empathie oder schlicht schlechtere Absichten hat.

Besonders treffend (und zugleich entlarvend) ist die zentrale These: Liebe allein reicht nicht. Beziehungen sind Arbeit, Spiegel, Programmcode aus der Kindheit. Alles richtig — nur bleibt die Frage offen: Was, wenn die andere Person gar nicht mitprogrammieren will? Oder schlimmer noch: aktiv dagegen arbeitet?

Das Buch kann helfen, sich selbst besser zu verstehen. Es kann erklären, warum man bleibt, obwohl man gehen sollte, warum man klammert oder flüchtet, warum Nähe gleichzeitig Trost und Panik auslöst.

Was es weniger kann: garantieren, dass daraus automatisch eine gesunde Beziehung entsteht. Denn zwei Menschen auf Augenhöhe brauchen nicht nur Einsicht — sondern auch Gleichwertigkeit im Verhalten.

Positiv fällt auf, dass die Autorin zumindest sagt, ein Buch ersetze keine Therapie bei schweren Verletzungen. Das ist ehrlich und wichtig. Gleichzeitig schwingt aber immer unterschwellig die Hoffnung mit, man könne sich durch ausreichend Reflexion quasi „beziehungsfähig lesen“.

Unterm Strich wirkt das Ganze wie ein sehr gut ausgestatteter Werkzeugkasten — nur ohne Garantie, dass die andere Person nicht weiterhin mit dem Vorschlaghammer gegen dich arbeitet.

Hilfreich für Selbstklärung? Durchaus. Ein Rezept für echte Augenhöhe? Nur, wenn beide lesen – und beide es wollen. Gefahr der Selbstoptimierungsfalle? Deutliches ja.

Oder anders gesagt:
Man kann lernen, frei und verbunden zu sein aber man aber nicht allein dafür sorgen, dass die Beziehung es auch ist.