Nur einmal die Zeit anhalten

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
galaxaura Avatar

Von

„Freunde fürs Leben“, der neue Roman von Fredrik Backman, erschienen 2026 im Goldmann Verlag, dürfte eines der berührendsten Bücher sein, die ich jemals gelesen habe. Ich gehöre eigentlich nicht zu den Menschen, die beim Bücherlesen weinen, aber hier hatte ich mehrfach Tränen in den Augen.

Vorweg: Ich bin ein großer Backman-Fan, denn kaum ein Autor schreibt so starke Figuren und bewegende Geschichten, die mich immer mit einer sanften Melancholie und unglaublich viel Hoffnung für die Menschheit zurücklassen. Das ist ein großer Verdienst in Zeiten, die nicht gerade für Mitmenschlichkeit berühmt sind und eher auf Spaltung ausgelegt sind. Und auch dieser Roman bringt ganz einfach die Sterne zum Leuchten und hüllt einen in eine große Umarmung ein – auch wenn wir, wie meist bei Backman, eher auf die Außenseiter der Gesellschaft schauen.

Die Grundkonstruktion des Romans ist so schlicht wie tragfähig.
Das Heimkind Louisa, deren Vater die Familie früh verließ und deren Mutter irgendwann aus Überforderung das Kind endgültig zurückließ, läuft einen Tag vor ihrem 18. Geburtstag aus eben diesem Heim weg, da ihre einzige Freundin Fish, die eine Person, die sie immer verstanden hat und ebenso besonders war wie Louisa, an einer Überdosis gestorben ist. Die Erwachsenen nennen es einen Suizid – Louisa dagegen weiß, dass Fish von der Realität ermordet wurde. Und ich habe noch nie in einem Buch eine so treffende Beschreibung für einen Suizid lesen dürfen, wie Backman uns Lesenden hier eh Perle an Perle schenkt. Zum Beispiel auch, dass die gefährlichsten Orte für Teenager in ihnen selbst liegen und nicht außerhalb. Aber ich schweife ab!
Louisa trägt schon lange eine Postkarte mit einem berühmten Motiv des Malers C. Jat bei sich, „Das vom Meer“, das Motiv zeigt das Meer und einen Anleger und ganz klein drei junge Menschen. Dieses Bild ist Louisas innerer Anker, und jetzt hat sie sich in den Kopf gesetzt, es bei einer Ausstellung ein einziges Mal im Original zu sehen. Dass sie dafür einbrechen muss – nicht ihre Schuld. Dass es vor Ort eskaliert, weil sie von reichen Idioten umgeben ist – erst recht nicht ihre Schuld. Dass sie bei ihrer Flucht auf einen scheinbar obdachlosen Typen trifft, der sich als eine ganz andere Person entpuppt, die ihr etwas schenkt, was sich als viel größer herausstellt, als sie gedacht hat, und sie dabei eine Kirchenwand bemalt – ihr Glück.
Das alles ist der Auftakt für einen einzigartigen, nun ja, nicht Road-Movie, sondern eher Rail-Movie, der uns in die Vergangenheit und in die Zukunft führt und dabei ein paar erstaunliche Zwischenstationen einlegt. Es sind viele Leben, die hier erzählt werden, vor allem aber ist es ein unglaubliches Bad in Emotionen, in Trauer und Verzückung, in Schmerz und Hoffnung, in immer wieder Ertrinken und Auftauchen, es ist die Sonne über dem Meer mit Chilisauce und unsere ganze Jugend, genauer: Das Gefühl von 14 Jahre alt sein und nie wieder so intensiv erleben und fühlen wie in diesem Moment. Diese Geschichte bricht einem das Herz auf jeder Seite – und setzt es dann neu zusammen.

Formal arbeitet Backman mit vielen Vorausgriffen, eigentlich sind wir im Kenntnisstand der Handlung immer voraus und glauben, wir wüssten deshalb, wie der Roman ausgehen wird – und zum Glück lügt er dabei zwar nie, aber es kommt doch alles oft ganz anders. Sämtliche Figuren lassen Backmans Liebe zu seinem Personal so sehr spüren und weil das so ist, schließt man sie immer tiefer ins Herz und wird selbst Teil dieser Teenager-Gruppe, dieser Menschen, die auf die Welt kommen und eigentlich keine Chance haben – und so ehrlich ist Backman: Nicht jeden kann er retten. Dabei liegt unter allem so viel Humor – es gibt keine Seite in diesem Buch, auf der ich nicht schmunzeln und lachen musste. Und keine Seite, auf der ich mir nicht irgendeinen Satz angestrichen hätte, weil er so verdammt wahr ist. Wie kann man so lebensklug und feinfühlig sein wie Fredrik Backman? Wie kann ein erwachsener Mensch so tief in junge Menschen eintauchen und sie dabei zu keinem Zeitpunkt verraten?

Am Ende dieses Buches läuft einem die Suppe aus den Augen und zugleich ist man doch so unendlich glücklich und friedvoll und voller Hoffnung, dass es diese Welt doch noch zu etwas bringen könnte. Und möchte das Buch sofort wieder von vorn lesen. Ihr habt noch die Chance. Unbedingt machen. 5 Millionen Sterne für diese Buch.


Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und Goldmann für das Rezensionsexemplar!