Berührende Spurensuche

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
noiram Avatar

Von

Mit Frieda. Die Suche nach meiner vergessenen Urgroßtante legt Geraldine Oetken ein zutiefst persönliches und gleichzeitig schmerzhaft präzises Stück Erinnerungskultur vor. Ausgehend von einem neu eingemeißelten Namen auf dem Familiengrab in Oldenburg entfaltet die Journalistin eine investigative und hochemotionale Recherche über das Schicksal ihrer Urgroßtante Frieda Helms, die 1941 im Kloster Blankenburg mutmaßlich Opfer der dezentralen NS-„Euthanasie“ wurde.
​Das Buch besticht durch seine Dualität: Es ist nicht nur die Rekonstruktion eines fast ausgelöschten Lebens, sondern auch eine schonungslose Konfrontation mit den „Nicht-Geschichten“ der eigenen, wohlhabenden Familie. Oetken beschreibt meisterhaft die lähmende Enge des generationenübergreifenden Schweigens und bricht das Tabu um die Rolle der familieneigenen Baufirma im Nationalsozialismus. Ihr Schreibstil ist dabei angenehm unprätentiös, nahbar und von einer unaufdringlichen, aber spürbaren Melancholie getragen.
​Besonders stark sind die Passagen, in denen die mühsame Archivarbeit und die Suche nach Friedas tatsächlicher Ruhestätte auf dem Alten Kirchhof in Osternburg greifbar werden. Oetken hantiert nicht mit historischen Platitüden, sondern füllt die schmerzhaften Leerstellen mit sensiblen, fast filmischen Rekonstruktionen. Ein wichtiges, aufrichtiges und literarisch dichtes Werk über die Notwendigkeit, den Opfern ihre Biografie zurückzugeben.