Eine Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart

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susannek Avatar

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Das Buch handelt von der Suche Geraldine Oetkens nach Spuren ihrer Urgroßtante Frieda, die in der Familie nahezu nicht vorkam, aber während des Krieges in einem Pflegeheim für Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen starb. Wir begleiten sie auf dem Weg durch unzählige Archive, Behörden, Bibliotheken. Wir tauchen tief ein in die Geschichte, in Schicksale. Zunächst forscht sie zu Friedas Tod, da sie den Verdacht hat, dass diese einem institutionellen Hungermord zum Opfer gefallen ist. Im Verlauf widmet sie sich dann auch Friedas Alltag, versucht anhand zeitgenössischer Dokumente ein Bild davon zu entwerfen, wie Friedas Leben ausgesehen haben könnte. Sie versucht, Frieda eine Stimme zu geben, ihr ihre Würde zurückzugeben, indem sie sie ins Licht holt.

G.O. stellt viele Fragen, ist unbequem, möchte unbequem sein. Möchte Denkprozesse in Gang setzen, einfache Antworten entlarven.Dabei stellt sie sich nicht über die Lesenden, verurteilt nicht, sondern lädt ein, blinde Flecken und Winkel behutsam und liebevoll zu entdecken.

Sie deckt auf, wie wir uns durch Formulierungen selbst belügen, wie wir die Geschichte und die Auseinandersetzung mit ihr vermeiden, indem wir sie entpersonalisieren. Wie wir dabei auch Menschen entpersonalisieren. Letztendlich behandelt sie nicht nur Friedas Geschichte, sondern auch ihre Familiengeschichte, unsere gesellschaftliche Geschichte, so oft verschwiegene Verstrickungen in der NS-Zeit. Es ist ein Buch, das wenig Antworten gibt, aber sehr viele Fragen stellt. Den Finger in gerne genutzte Halbsätze und Legenden legt, die in Familien erzählt werden, um sich nicht mit Wahrheiten auseinandersetzen zu müssen.

Es ist kein leichtes Buch, kein Buch, das sich mal eben nebenher liest. Aber es ist ein wichtiges Buch, weil es Bewusstsein schafft für unsere Geschichte, für unser gesellschaftliches Zusammenleben und für große und kleine Ungerechtigkeiten, die wir allzu leicht übersehen oder vor denen wir die Augen schließen, weil sie vermeintlich nichts mit uns zu tun haben. Es ist ein anstrengendes Buch, das anregt, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, und das viele Fragen stellt, die das Potential haben, Gedankenprozesse zu starten, die am Ende uns allen zugute kommen. Auf der Basis der Recherche über ihre Urgroßtante setzt sich G.O. auch intensiv mit der gegenwärtigen Geschichte auseinander, mit Politik und Gesellschaft und wie sich Grenzen des Sagbaren (wieder) verschieben.

Am Ende schreibt sie Frieda einen Brief, der mich sehr berührt hat. Über ihre Spurensuche, ihre Auseinandersetzung mit Friedas Leben und der Rolle ihrer Familie dabei. Und darüber, dass Frieda ihr doch fremd geblieben ist, dass Frieda diese Suche vielleicht nicht mal gutgeheißen hätte, nicht mit ihr hätte reden wollen, wenn sie sich hätten begegnen können. Aber sie beschreibt auch, wie diese Reise, trotz aller Unzulänglichkeiten, sie verändert hat, wie Frieda dadurch Teil ihrer Kleinfamilie wurde und ihre Wahrnehmung grundsätzlich verschoben hat.

Klare Leseempfehlung von mir, ganz besonders in dieser Zeit, in der die Gleichwertigkeit aller Menschen wieder in Frage zu stehen scheint! Zwischendurch dachte ich, dass das Ganze auch hätte kürzer sein dürfen, dass der Text, die vielen Drehungen und Wendungen zu lang, zu ausführlich sind. Aber im Laufe des Buches merkte ich irgendwann, dass die Ausführlichkeit auch eine Würdigung der Menschen bedeutet, von denen hier erzählt wird, dass sie ihnen den Raum gibt und die Wichtigkeit, die ihnen im echten Leben verwehrt wurde.