Eine mühsame Spurensuche
Als Geraldine Oetken zur Beerdigung ihres Großvaters und Seniorchefs des Familienunternehmens nach Oldenburg reist, wird ihr bewusst, dass ihre Urgroßtante Frieda Helms bisher kein Grab und keine Inschrift auf dem Familien-Grabstein hatte. Frieda war 1939 ins Gertruden-Heim für Behinderte eingewiesen worden; es hieß sie litte seit früher Kindheit an Epilepsie. Geraldine Oetkens Suche nach Friedas Grab und ihrer Patientenakte im Heim des Klosters Blankenburg wird wie der Weg von Pontius zu Pilatus mit jeder Antwort neue Fragen aufwerfen, die weitere Recherchen erfordern. Mit einfachen Fragen nähert Oetken sich dem komplexen Problem: Wer bezahlte für Frieda, wer besuchte sie im Heim, wer war ihr Vormund, warum wurde eine große Anzahl Heimbewohner nach Süddeutschland verlegt, wer beerdigte Frieda – und wo ist ihr Grab?
In dieser Familie wurde offenbar weder über Frieda noch über das Geschäft gesprochen, mit dem man den Lebensunterhalt verdiente. Kam die Sprache auf die Zeit des Nationalsozialismus, hieß es über das Bauunternehmen des Großvaters stets automatisch, seine Firma wäre doch so gut wie pleite gewesen. Wie die Firmengeschichte abgeschnitten und verkürzt weitergegeben werden konnte, ist aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar. Die Bauten und Projekte des Großvaters müssen im Stadtbild zu sehen gewesen sein. Ich fragte mich, wie eigentlich Kinder von Unternehmern ihr „Handwerk“ lernen sollen, wenn angeblich nicht über Geschäftliches gesprochen wird und über was Oetkens Großvater überhaupt mit seinen Enkeln sprach. Auch mein Großvater war in der Zeit Bauunternehmer und für mich ist es schwer vorstellbar, dass eine Familie nicht gemeinsam Fotos betrachtet von „unseren Arbeitern“ und „unseren Baustellen“.
Man entledigte sich der unbequemen Firmenunterlagen ebenso wie der behinderten Tante, die von Deportation bedroht war. Neben der Recherche nach Friedas Schicksal gräbt Geraldine Oetken auch den Grund dafür aus, warum sich in Deutschland bis weit in die Nachkriegszeit eine tiefsitzende Abwehr gegen Therapeuten und Psychiatrien halten konnte. Geraldine Oetkens detektivische Recherche konfrontiert sie u. a. mit den privaten und geschäftlichen Fäden, die die Bürger ihrer Heimatstadt miteinander verknüpfen und das Schweigen über die Vernichtung Behinderter im Nationalsozialismus unmöglich gemacht haben sollten. Auch andere Familien hatten Angehörige im Gertrudenheim …
Geraldine Oetkens Spurensuche nach ihrer verschollenen Urgroßtante bringt nur drei Fotos von Frieda Helms zutage. Auf einem konzentriert sich das gesamte Drama: Die Herkunft des Fotos ist offenbar ungeklärt und Frieda wirkt darauf klein, scheu und übersehen. Niemand fühlte sich dafür zuständig, ihr vor dem Auslösen schnell noch den Kragen zurechtzurücken, damit sie ein einziges Mal ebenso wichtig genommen worden war wie ihre Verwandten.
Fazit
Geraldine Oetken nähert sich der Person ihrer Urgroßtante aus diversen Perspektiven. Sie fragt sich, wer vom Nationalsozialismus profitierte, welche Rollen Männer und Frauen dabei spielten und was historische Geschäftskorrespondenz sprachlich über eine Epoche preisgibt. Nicht zuletzt versetzt sie sich immer wieder in Frieda und wie sie ihre Welt erlebt haben muss. Ein berührendes Buch, das aufblättert, wie Familien-Erinnerungen komplett abgeschnitten und verleugnet werden können.
In dieser Familie wurde offenbar weder über Frieda noch über das Geschäft gesprochen, mit dem man den Lebensunterhalt verdiente. Kam die Sprache auf die Zeit des Nationalsozialismus, hieß es über das Bauunternehmen des Großvaters stets automatisch, seine Firma wäre doch so gut wie pleite gewesen. Wie die Firmengeschichte abgeschnitten und verkürzt weitergegeben werden konnte, ist aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar. Die Bauten und Projekte des Großvaters müssen im Stadtbild zu sehen gewesen sein. Ich fragte mich, wie eigentlich Kinder von Unternehmern ihr „Handwerk“ lernen sollen, wenn angeblich nicht über Geschäftliches gesprochen wird und über was Oetkens Großvater überhaupt mit seinen Enkeln sprach. Auch mein Großvater war in der Zeit Bauunternehmer und für mich ist es schwer vorstellbar, dass eine Familie nicht gemeinsam Fotos betrachtet von „unseren Arbeitern“ und „unseren Baustellen“.
Man entledigte sich der unbequemen Firmenunterlagen ebenso wie der behinderten Tante, die von Deportation bedroht war. Neben der Recherche nach Friedas Schicksal gräbt Geraldine Oetken auch den Grund dafür aus, warum sich in Deutschland bis weit in die Nachkriegszeit eine tiefsitzende Abwehr gegen Therapeuten und Psychiatrien halten konnte. Geraldine Oetkens detektivische Recherche konfrontiert sie u. a. mit den privaten und geschäftlichen Fäden, die die Bürger ihrer Heimatstadt miteinander verknüpfen und das Schweigen über die Vernichtung Behinderter im Nationalsozialismus unmöglich gemacht haben sollten. Auch andere Familien hatten Angehörige im Gertrudenheim …
Geraldine Oetkens Spurensuche nach ihrer verschollenen Urgroßtante bringt nur drei Fotos von Frieda Helms zutage. Auf einem konzentriert sich das gesamte Drama: Die Herkunft des Fotos ist offenbar ungeklärt und Frieda wirkt darauf klein, scheu und übersehen. Niemand fühlte sich dafür zuständig, ihr vor dem Auslösen schnell noch den Kragen zurechtzurücken, damit sie ein einziges Mal ebenso wichtig genommen worden war wie ihre Verwandten.
Fazit
Geraldine Oetken nähert sich der Person ihrer Urgroßtante aus diversen Perspektiven. Sie fragt sich, wer vom Nationalsozialismus profitierte, welche Rollen Männer und Frauen dabei spielten und was historische Geschäftskorrespondenz sprachlich über eine Epoche preisgibt. Nicht zuletzt versetzt sie sich immer wieder in Frieda und wie sie ihre Welt erlebt haben muss. Ein berührendes Buch, das aufblättert, wie Familien-Erinnerungen komplett abgeschnitten und verleugnet werden können.