Eine mühsame Suche

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meggie3 Avatar

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Die Journalistin Geraldine Oetken erfährt mit Anfang dreißig von Frieda, ihrer Urgroßtante, die während des Nationalsozialismus 1941 im Gertrudenheim in Oldenburg gestorben ist. Einem Heim, in dem während des Nationalsozialismus strukturell Menschen mit Behinderungen verhungerten. Über das Leben von Frieda und auch über ihr Sterben ist Geraldine Oetken zunächst kaum etwas bekannt. Ihre Suche nach Antworten auf ihre vielen Fragen beginnt die Journalistin mit zwei Daten: Friedas Geburts- und Sterbedatum.

Das Buch begleitet die Autorin auf ihrer Suche nach jedem noch so unwahrscheinlichen Hinweis auf Frieda. Sie nimmt uns mit in Archive in Norddeutschland, aber auch in Bayern. Verschiedene Friedhöfe und Orte in Oldenburg werden besucht, Internetrecherche um Internetrecherche durchgeführt, Akte um Akte gelesen. Der Ertrag: Eine Idee, wie Friedas Leben ausgesehen haben könnte und eine Vermutung, wie es ihr im Gertrudenheim ergangen und wie sie gestorben sein könnte. Einige Aspekte konnte Geraldine Oetken verifizieren, andere Aspekte bleiben auf ihrer Recherche beruhende Schlussfolgerungen.

Neben der Geschichte von Frieda kann die Erzählung gar nicht anders, als sich auch unabhängig von Frieda als Person mit dem Umgang mit Menschen mit Behinderung während des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Geraldine Oetken trägt viele Informationen zur „Euthanasie“ und der Aktion T4, zur Stadtgeschichte Oldenburgs, der Unternehmensgeschichte ihrer Familie und zu vielen anderen Themen zusammen, die in irgendeiner Weise in Zusammenhang mit Friedas Leben stehen. Ich habe das Verlassen der Pfade, das „Abschweifen“, sehr positiv empfunden, da es mir als Leserin geholfen hat, den Kontext besser zu verstehen und Friedas Geschichte besser einzuordnen.

Auch bettet Geraldine Oetken ihre Recherche in ihr Leben ein, sie lässt uns teilhaben an ihren Gedanken und Gefühlen. Sie verknüpft ihren Alltag mit zwei kleinen Kindern, ihrem Job als zunächst angestellte Journalistin und dann in der Selbstständigkeit mit ihrer Arbeit an der Geschichte von Frieda. Das mag vielleicht irritieren, weil es zum Teil den Blick weg von Friedas Geschichte und den Rechercheergebnissen lenkt, ich fand es aber irgendwie sehr stimmig. Weil – so ist das Leben nun mal. Geraldine Oetken lässt den bzw. die Leser*in an allen Aspekten ihrer Recherche teilhaben, auch an denen, die sich mit Kinderbetreuung befassen und dazugehören.

Was mich zum Teil etwas gestört hat, war die direkte Ansprache Friedas. Die Autorin wendet sich immer wieder an ihre Urgroßtante, fragt sie, wie ihr Leben aussah, wie es ihr ergangen ist. Per se finde ich das als Stilmittel durchaus gut gelungen, ich fand die Häufigkeit der Nutzung aber etwas zu hoch. Ansonsten hat sich das Buch bzw. der Recherchebericht sehr gut lesen lassen. Sicherlich muss man sich als Leser*in auf den Text einlassen und die erforderliche Konzentration mitbringen, das hatte ich aber auch nicht anders erwartet.

„Frieda“ ist ein wichtiges Buch über die Gräueltaten während des Nationalsozialismus und eine Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte, das ich gerne weiterempfehle.