Unermüdliche Spurensuche

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
nightingowl Avatar

Von

Angesichts des vor einiger Zeit veröffentlichten Portals der SZ, in dem die NS-Akten der eigenen Verwandtschaft einzusehen sind, kann dieses Werk aktueller nicht sein. Da ich ebenfalls gern in der Vergangenheit meiner Ahnen forsche, hat mich "Frieda" sofort neugierig und betroffen gemacht...

Hinter dem fast schon friedlich, gar heimelig anmutenden Buchcover versteckt sich ein so tiefgreifendes Grauen, dass mir bisweilen beim Lesen schlecht geworden ist. Geraldine Oetken hat sich da ein Mammutprojekt vorgenommen, für das ich ihr meinen größten Respekt ausspreche. Für drei Jahre hat sie sich der Suche nach Frieda verschrieben. Hat sich tief in Archive eingegraben, immer wieder ihre Heimatstadt durchforstet und letztendlich auch die familiären Keller und Dachböden abgesucht. Alles, um nicht nur dem Tod, sondern vor allem dem Leben ihrer Urgroßtante Frieda näherzukommen. Die ganze Recherche ist unheimlich aufwändig gewesen und besonders bei den investigativen Stellen gefiel mir das Reportage-artige Schreiben, womit wir nah am Erleben der Autorin sind, sehr gut.

Oft geht in der Diskussion um die Verbrechen der Nazis die "Aktion T4" unter. T4 bezieht sich auf die Tiergartenstraße 4 in Berlin, von dort aus wurde die systematische Ermordung tausender Säuglinge, Kinder und Erwachsener geplant, welche psychische Erkrankungen, körperliche oder geistige Behinderungen hatten. Zeitgenössisch mit dem Namen "Euthanasie" betitelt - ein Euphemismus, der sich ungefähr mit "schöner/leichter Tod" übersetzen lassen kann - wurden in speziellen Einrichtungen Menschen aus ganz Deutschland durch Giftgas ermordet. Über ihr Schicksal wurde in Einrichtungen und Heimen durch ärztliches Personal entschieden... Zum Wohle des "Volkskörpers", zum "Schutz des deutschen Erbguts" (ich kann hier gar nicht genug Anführungszeichen setzen). Frieda mit vermuteter Epilepsie war in einem dieser Heime.

Oetken arbeitet diese geschichtlichen Zusammenhänge detailliert auf und stellt den Versuch an, sie mit ihrer Familiengeschichte zu verweben und Frieda somit ein Gesicht zu geben. Denn kaum jemand weiß etwas über ihre Urgroßmutter. Es ist unbeschreiblich, wie von einer Unsäglichkeit in die nächste geleitet wird. Wie die Autorin vom großen Ganzen ins kleine Persönliche, aber nicht minder Furchtbare schließen muss: Das Märchen des fast bankrotten, nicht profitierenden deutschen Familienunternehmens während der NS-Zeit löst sich genauso auf wie der angeblich so unscheinbare, natürliche Tod der Urgroßtante im Heim 1941. Auch nach der Aktion T4 ging das Morden still und heimlich weiter. Durch Giftspritzen. Oder schlichtweg durch langsamen Entzug der Nahrung - Hungertod.

Mir fällt es aufgrund der Thematik schwer, meine Kritik an dem Werk zu äußern, da ich die Arbeit von Oetken dadurch nicht abwerten möchte. Dennoch: Teilweise wurde wiederholt, was in anderen Kapiteln bereits herausgefunden und erwähnt wurde. An diesen Stellen bin ich ins Stocken geraten. Das soll wahrscheinlich helfen, wenn man das Buch kapitelweise mit sehr viel zeitlichem Abstand voneinander liest, aber ich fand das etwas anstrengend. Einige Passagen hätten durchaus etwas gerafft werden können - auch, wenn Frieda jeder Platz und jede Seite zusteht. Aber hinsichtlich des Leseflusses habe ich einige Darstellungen als etwas langatmig empfunden.

Insgesamt gebe ich "Frieda" 4 von 5 Sternen und eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Ich kann und will gar nicht alles wiederholen, was Oetken während ihrer Recherche herausgefunden hat, denn am besten lest ihr es selbst, aber was ich unbedingt wiederholen muss: Schaut euch um, denkt nach, widersprecht. Wenn allen Bürgergeld-Beziehenden Faulheit unterstellt wird - die Nazis maßen den Wert einer Person an der Arbeitstüchtigkeit. Wenn körperlich oder geistig beeinträchtige Menschen "aus Spaß" beleidigt werden - die Nazis sahen diese Menschen als Gefahr für den "deutschen Volkskörper". Wenn die Großeltern mit Demenz im Pflegeheim misshandelt werden - die Nazis hätten dafür gesorgt, dass sie ihr Leben nicht in Würde hätten beenden können. Seid lieb zueinander, seid laut. Seid Menschen.