Wichtig, aber zu lang und stilistisch nicht meins

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
rosetheline Avatar

Von

Nachdem ich letztes Jahr "Anna oder: Was von einem Leben übrig bleibt" von Henning Sussebach gelesen habe und gesehen habe, das mit "Frieda" von Geraldine Oetken ein Buch mit einer ähnlichen, wenn auch etwas anderen Thematik erscheinen wird, war ich sofort Feuer und Flamme.

In "Frieda" versucht die Autorin etwas über die Geschichte und das Leben ihrer Urgroßtante, von derer Existenz sie durch Zufall erfahren hatte, herauszufinden.
Wer war Frieda? Warum wurde nie über sie erzählt und warum landete sie in Blankenburg, einer ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt? Warum starb sie (wirklich)?

Mit vielen Fragen sucht Oetken nach ebenso vielen Antworten, die allerdings schwer zu finden sind. Dabei taucht die Autorin teils in die Geschichte von Blankenburg, des Nationalsozialismus und ihre eigene Familiengeschichte hinein. Der Erzählstil kann dabei manchmal sehr anstrengend sein, weil Oetken viele Sätze stark ausschmückt und durch belanglose Anekdoten gern vom Thema abschweift. Vor allem die erste Hälfte des Buches zieht sich dadurch wie ein Kaugummi, weil man als Leser*in oft das Gefühl hat, dass man sich nur im Kreis dreht und kaum "voran" kommt. Ab dem letzten Drittel konnte das Buch wieder mehr an Fahrt gewinnen, da wieder neue, interessante Aspekte mit einfließen konnten, die aber eher als Randinformationen dienten.

Oetkens Buch ist auf seine Art wichtig, weil die meisten Menschen sich wahrscheinlich nie genug mit der Geschichte ihrer Vorfahren beschäftigt haben und manche Menschen schlichtweg darin "untergegangen" sind. Auch Aspekte wie die Stellung oder Macht/Ohnmacht der eigenen Familie in Bezug auf beispielsweise den Nationalsozialismus und wie weit dieser noch nachhallen kann, sind sehr wichtig gewesen. Ebenso das Aufzeigen der Verbrechen, die die Nationalsozialisten nunmal nicht nur an Juden/Jüdinnen, Sinti*zze, Homosexuellen, Schwarzen (etc.) begangen haben, sondern auch an Menschen mit Behinderung.

Rein thematisch würde ich dem Buch eine viel höhere Bewertung geben und finde, dass eine Familiengeschichte per se gar nicht bewertet werden kann, da sie an sich etwas Kostbares und Einzigartiges ist. Vom Stil hat mir das Buch leider nicht ganz so zugesagt, wie ich es mir gerne gewünscht hätte. Manchmal liegt in der Kürze die Würze.
Ich denke wer das Thema spannend findet und "Die Ausweichschule" von Kaleb Erdmann stilistisch mochte, wird "Frieda" gerne lesen.