Unheimlich atmosphärisch, psychologisch vielversprechend und optisch ein Highlight

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Zuerst einmal dieses Cover: Wie schön kann ein Buchcover bitte sein? Für mich ein regelrechtes 360-Grad-Kunstwerk. Die nebelverhangene Landschaft, der dunkle Wald und das markante Männerprofil verschmelzen zu einem faszinierenden Gesamtbild. Dazu der leuchtend grüne Schriftzug, der einen überraschenden Kontrast zu den düsteren Farben bildet. Wunderschön, geheimnisvoll und gleichzeitig ein wenig unheimlich. Genau diese Gestaltung hat mich so neugierig gemacht, dass ich unbedingt mehr über das Buch erfahren wollte.

Und die Leseprobe hat mich vom ersten Moment an gepackt. Das Retreat am See, die Nebelschwaden, die spartanischen Hütten, ein umstrittener selbsternannter Heiler und sein vermeintlich tauber und definitiv furchteinflössender Gehilfe – Thomas Kiehl erschafft eine eindrückliche norwegische Szenerie, über der ein beinahe magisch-mystisches Unbehagen liegt.
Besonders fasziniert mich die psychologische Komponente: Einerseits die Dynamik innerhalb des Retreats, andererseits erfahren wir nach und nach, welche Beweggründe die einzelnen Teilnehmenden dorthin geführt haben.

Helenes inneren Zwiespalt konnte ich sofort nachempfinden: Einerseits hält sie wenig von dem vermeintlichen Coaching-Humbug und durchschaut die psychologischen Tricks. Andererseits kann auch sie sich den aufkeimenden Emotionen, die der Leiter in ihr auslöst, kaum entziehen. Und genau darin liegt für mich das Spannende: Selbst wenn Gefühle gezielt, vielleicht sogar manipulativ hervorgerufen werden, sind sie deshalb nicht weniger echt. Auch fragwürdige Methoden können durchaus etwas in einem anstossen. Die entscheidende Frage ist nur, was jeder Einzelne anschliessend daraus macht.

Auch sprachlich begeistert mich die Leseprobe: wunderbar flüssig, zugleich bildhaft und stimmungsvoll. Die kurzen, spannenden Kapitel verleiten dazu, immer noch eines dranzuhängen. Besonders raffiniert finde ich die dazwischen eingeflochtenen Geschichten, die von den Teilnehmenden zu Beginn des Retreats selbst verfasst wurden. Sie eröffnen eine zusätzliche Erzählebene, werfen neue Geheimnisse auf und laden zum Miträtseln ein. Ein erzählerischer Kniff, den Kiehl handwerklich ausgesprochen geschickt umsetzt.
Selten hat mich eine Leseprobe so neugierig zurückgelassen.