Fünf Tage, vier Frauen, eine Menge unausgesprochener Dinge

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
azur.blau.liest Avatar

Von

Das Cover ist einfach Sommer pur: Baumelnde Beine am Pool, zwei Drinks, tiefe Schatten – das sieht nach Urlaub aus, aber auch nach etwas, das gleich kippen wird. Genau das liefert die Leseprobe dann auch.

Cossletts Schreibstil ist das Erste, was mich wirklich überrascht hat. Er pendelt mühelos zwischen sinnlicher Unmittelbarkeit – das kristallklare Wasser, die schwüle Hitze, der weiß gekalkte Klosterturm – und einer scharfen, manchmal lakonisch-komischen Beobachtungsgabe. Die Ich-Erzählerin Sophie hat Witz, aber darunter schwelt etwas Unruhiges: ungelebte Entscheidungen, eine Beziehung auf der Kippe, ein Körper, der träumt, was der Kopf nicht denkt.
Besonders klug finde ich die eingestreuten Passagen über Paula Modersohn-Becker und Francesca Woodman. Sie funktionieren als Spiegel für Sophie – Frauen, die zwischen Kunst, Körper und Erwartungen zerrissen wurden. Das gibt dem Buch eine essayistische Tiefe, die ich so nicht erwartet hatte.

Die Figurenzeichnung ist auf Anhieb lebendig: Iris mit ihrer schneidenden Arroganz, die eisige Klassenunterschied-Spannung in der Gruppe, Gregs ambivalente Rolle im Off. Den Spannungsaufbau macht Cosslett geschickt: Es passiert noch kaum etwas – und trotzdem lese ich mit angehaltenem Atem. Diese fünf Tage werden nicht harmlos bleiben. Ich will unbedingt wissen, was im Licht alles sichtbar wird.