Die Treppe, die keine Einzelstufe ist

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„Frauen sollen ihren Job machen, als hätten sie keine Kinder. Und sie sollen Mütter sein, als hätten sie keinen Job.“ (S. 89)
Dieser Satz bringt nicht nur das Problem auf den Punkt, sondern auch den bissig-pointierten Schreibstil, der mir bei Barbara Blaha so gut gefällt. Ihr Buch „Funkenschwestern. Wie Feminismus alles besser macht“ ist am 12.02.2026 beim Molden Verlag erschienen.

Worum geht’s?
Barbara Blaha – Leiterin des Momentum Instituts, Herausgeberin von moment.at und bekannt durch ihr feministisches Bühnenprogramm (das ich schon live erleben durfte) – legt hier ein faktenbasiertes feministisches Sachbuch vor, das Ungleichheit nicht als individuelles Versagen begreift (wie uns so oft weisgemacht wird), sondern als ökonomisches und politisches Systemproblem. Von der Kindheit über Arbeit, Geld, Mental Load und Beziehungen bis hin zu Gewalt und politischem Wandel: Blaha arbeitet sich durch alle Ebenen, auf denen das Patriarchat wirkt.

Meine Meinung

Respekt! ist das erste Wort, das mir einfällt. Die Recherchearbeit hinter diesem Buch ist beeindruckend. Blaha verbindet Studien aus der Wirtschaftsforschung, der Psychologie, der Soziologie und der Medizin mit einer Sprache, die nie akademisch klingt, sondern immer zugänglich bleibt. Wer wissen will, wie das Patriarchat funktioniert – nämlich als messbares System mit realen Konsequenzen –, bekommt hier einen richtigen „Deep Dive“. Und das vor allem mit einem intersektionalen Ansatz. Lieben wir!

Mich haben viele Kapitel angesprochen, aber besonders das zum Thema Lohn und Arbeit sowie die Argumentation gegen den „bereinigten“ Gender Pay Gap: Wer die Struktur „bereinigt“, schiebt der einzelnen Frau die Schuld zu. Denn der Markt ist nicht neutral. Auch das Kapitel zu Gewalt und der Verweis auf die direkte Verbindungslinie vom sexistischen Witz zum Femizid (S. 136) – aka Gewaltpyramide – sind starke Momente im Buch.

Was mich aber gleichzeitig beschäftigt hat, war die schiere Menge an Fakten, Studien und Zahlen. Gerade am Anfang musste ich mich sehr daran gewöhnen und konnte immer nur wenig am Stück lesen, weil mich der Informationsgehalt doch etwas erschlagen hat. Und ich lese viele Sachbücher. Was mir da vermutlich geholfen hätte, wären Grafiken oder visuelle Aufbereitungen gewesen, um das Gelesene besser zu verarbeiten. Text allein reicht bei mir gerade bei Sachbüchern, die so faktendicht sind wie dieses hier, leider oft nicht aus, damit ich es gut aufnehmen kann.

Gestalterisch mochte ich das Layout und Design zwar, aber eine Entscheidung hat mich sehr gestört: gelb markierte Passagen im Buch, die mir als Leser:in vorgeben, was das Wichtigste ist. Ich bin definitiv Team „Ich unterstreiche selbst“. Denn für jede Person sind andere Aspekte wichtig, und ich möchte selbst entscheiden, was ich hervorhebe. Das mag eine Kleinigkeit sein, hat mich während des Lesens aber immer mal wieder aus dem Flow gerissen.

Die Analyse im Buch ist wirklich durchwegs überzeugend, doch das letzte Kapitel fällt dagegen etwas ab. Der Schritt vom Erkennen zum Handeln bleibt vage. Was kann eine Frau* konkret tun, die keine akademische Sprache spricht, wenig Zeit hat und kaum finanzielle Spielräume besitzt? Wie sieht Solidarität im Alltag aus – nicht in der Theorie, sondern im Supermarkt, im Pausenraum, im Klassenzimmer? Diese Fragen sind für mich auch nach der Lektüre noch offen geblieben.

Fazit

„Funkenschwestern“ ist ein wichtiges, mutiges und faktenstarkes Buch, das Feminismus dort platziert, wo er hingehört: in der politischen und ökonomischen Debatte, nicht im Lifestyle-Regal. Trotz kleiner gestalterischer Kritikpunkte und dem Wunsch nach einem handlungsorientierteren Abschluss ist es ein Buch, das ich gerne weiterempfehle. Es liefert das nötige Handwerkszeug, um strukturelle Ungleichheit zu benennen. Und man muss Dinge benennen können, bevor man sie verändern kann.

Herzlichen Dank an den Styria Verlag für das Rezensionsexemplar!