Unbedingt lesen wollen, weil es brennt!

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Was für ein Auftakt – ich hatte nach drei Absätzen das Gefühl, jemand hätte mir die Tür zu Charlies Kopf aufgerissen und mich ohne Vorwarnung hineingeschubst. Es riecht dort nach Make-up, Angstschweiß und diesem säuerlichen Trotz, mit dem man sich selbst erträgt, wenn man sich eigentlich nicht ausstehen kann.

Schon der erste Satz – „Charlie googelt schlechter Mensch“ – ist ein kleiner Schlag in den Magen. So simpel, so entlarvend. Wer macht das nicht heimlich, sich selbst diagnostizieren mit Internetlisten? Aber hier wird daraus sofort etwas Bedrohliches, weil wir Charlie nicht als neugierige Suchende kennenlernen, sondern als Verletzte, im wörtlichen Sinn: Gips, Blutergüsse, ein lilablaues Universum im Gesicht. Diese Bilder sind stark, ohne effekthascherisch zu sein. Ich mochte, wie nüchtern und gleichzeitig gnadenlos genau die Sprache ist – sie streichelt nicht, sie protokolliert.

Besonders die Szene in der Bahn hat mich gepackt. Diese Therapeutinnen-Fantasie, die Charlie sich zusammenbaut, ist so herrlich peinlich und so schmerzhaft menschlich: der Wunsch, von einer Fremden erkannt, gerettet, vielleicht sogar bewundert zu werden. Und wie schnell das kippt! Ein falscher Blick, ein abgewürgter Satz – schon wird aus der Projektionsfläche eine „schlechte Therapeutin“ mit hässlicher Hand. Da blitzt etwas Gefährliches auf: Charlies Moral funktioniert wie ein Wetterhahn, sie dreht sich nach dem Wind ihrer Kränkung. Ich saß da und dachte: Oh oh, mit dieser Erzählerin wird es ungemütlich – und genau deshalb will ich weiterlesen.

Der Text balanciert gekonnt zwischen Mitgefühl und Irritation. Einerseits möchte man Charlie in eine Decke wickeln und ihr den Laptop wegnehmen, andererseits spürt man diese aggressive Energie unter der Oberfläche, dieses „Ich kann nicht aufhören“, das wie ein dunkles Versprechen klingt. Die Begegnung mit Frau Yilmaz öffnet dann eine weitere Ebene: Antiaggressionsprogramm, Täterinnenperspektive, eine gebildete Mathematikerin, die gleichzeitig völlig außer Kontrolle wirkt – das ist ein spannender Bruch mit den üblichen Opfererzählungen.

Mich überzeugt vor allem der Ton: nah, ein bisschen gemein, manchmal fast komisch, dann wieder erschreckend intim. Keine glatte Heldin, kein gefälliger Schmerz, sondern ein Bewusstsein, das stolpert, bewertet, sich selbst verrät. Ich habe nach diesen Seiten das Gefühl, Charlie könnte im nächsten Kapitel jemanden umarmen – oder jemanden schubsen. Und beides würde ich ihr glauben.

Wenn der Roman dieses Tempo und diese psychologische Schärfe hält, wird das eine dieser Geschichten, die man nicht „mag“, sondern die man aushält – weil sie wahr genug sind, um wehzutun.