Zwischen Selbsthass und Selbstrechtfertigung

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ninareads Avatar

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Die Leseprobe hat mich ehrlich gesagt schneller gepackt, als ich dachte. Schon auf den ersten Seiten ist man ziemlich nah an Charlie dran, fast unangenehm nah. Dieses blaue Auge in der U-Bahn, das Googeln von „schlechter Mensch“, diese Mischung aus Selbsthass, Ironie und völliger Überforderung – das fühlt sich extrem echt an. Nicht überhöht literarisch, sondern eher so, als würde man jemandem beim Denken zuhören, der gerade komplett neben sich steht.

Was mir besonders hängen geblieben ist, ist Charlies Blick auf andere Menschen. Wie sie die Frau in der Bahn sofort zur perfekten Therapeutin hochfantasiert und sie im nächsten Moment innerlich zerreißt, weil sie nicht reagiert, wie Charlie es erwartet. Das ist unangenehm, manchmal auch nicht besonders sympathisch, aber genau dadurch glaubwürdig. Man merkt: Hier geht es nicht um eine „vorbildliche“ Figur, sondern um jemanden, der sich ständig selbst rechtfertigt, widerspricht, verrennt. Dieses Hin- und Herspringen zwischen Opfergefühl und Aggression wirkt sehr menschlich, fast erschreckend nachvollziehbar.

Der Ton ist dabei oft überraschend komisch, obwohl die Situationen eigentlich ziemlich düster sind. Kleine, böse Beobachtungen, diese fixen Gedankenketten, die plötzlich kippen, das lockert den Text auf, ohne die Gewalt oder den Schmerz zu verharmlosen. Gerade die Szenen im Gespräch mit Frau Yilmaz fand ich stark, weil sie zeigen, wie sehr Charlie verstanden werden will und gleichzeitig Angst davor hat, wirklich verstanden zu werden.

Insgesamt hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass der Text weiß, wovon er spricht, ohne belehrend zu sein. Es geht um Schuld, Verantwortung, emotionale Abhängigkeit, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern aus einer Perspektive, die selbst noch völlig unsortiert ist. Man bleibt dran, weil man wissen will, wie Charlie sich da wieder rausmanövriert, oder ob sie es überhaupt schafft. Und auch wenn sie einem nicht immer gefällt, will man sie irgendwie nicht alleine lassen. Genau das macht doe Leseprobe für mich so stark.