Authentische weibliche Aggression

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herr_rabowski Avatar

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Gelbe Monster ist ein Roman, der mich eingesogen und nach knapp 190 Seiten wieder ausgespuckt hat, obwohl die Geschichte gefühlt noch mitten drin war. Clara Leinemann erzählt in sehr kurzen und sprunghaften Absätzen eine Wut geladene Beziehungsgeschichte einer Doktorandin für Mathematik. Den Schreibstil habe ich als sehr authentisch flüssig empfunden. So konnte ich nicht nur des Inhalts wegen durch die Seiten rasen.
Der perspektivische Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, hat den Spannungsbogen der Geschichte und den Rekonstruktionsprozess unterstützt. Allerdings gab es immer wieder einzelne Textpassagen, bei denen ich noch einmal einsteigen musste, um zu verstehen, in welchen zeitlichen Rahmen das Erlebte einzuordnen war. Ich habe das an manchen Stellen als störend empfunden. Gleichzeitig ist es Stilmittel und intensiviert Charlies Erleben.
Inhaltlich hat es mir vom Grundgedanken sehr gut gefallen. Auch Frauen geraten in Rage und empfinden überbordende Wut, die sich in Aggression gegen sich und Mitmenschen entladen kann. Das Setting der Antiaggressionstherapie ist gut gewählt. Mir fehlt trotzdem etwas Tiefe. Wie wurde in der Gruppentherapie gearbeitet (außer Tatrekonstruktion), dass sich Selbsterkenntnis und Wandel für die Teilnehmerinnen einstellen können? Welche Lebensumstände haben Charlie so werden lassen? Es gibt einen kleinen Anriss zu Ihrer Kindheit und den Umgang zwischen ihrer Mutter und ihr. Charlie badet geradezu in Selbstzweifeln und lehnt sich völlig ab, versucht ihr Leben lang zu sein wie andere und kann sich in keinem Punkt mit sich selbst identifizieren. Es mangelt ihr an realistischer Selbstreflexion. Sie giert nach Liebe und durfte wohl nie lernen, dass diese bedingungslos ist. Charlie und Valentin sind sich in dem Punkt ähnlicher als es scheinen mag und entwickeln wohl gerade deshalb eine beidseitig emotional ungesunde, zerstörerische Abhängigkeit.
Charlie ist liebenswürdig und gleichzeitig abstoßend. Für mich ist ihr Charakter und Auftreten absolut realistisch und authentisch. In Ella hat sie eine echte Freundin, die zwar distanziert scheinen mag, durch ihren gesunden Abstand jedoch stark auf Charlie einwirkt.
Mir hat es Spaß gemacht und war anregend. Es gibt daher eine Leseempfehlung für alle, die mit Aggression und Gewalt in Romanen zurecht kommen.