Es war doch Liebe ...

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luisabella Avatar

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»Sie hat an Valentin in der Vergangenheitsform gedacht, aber nicht daran, wie sie ihm in naher Zukunft begegnen könnte.« (183)

Charlie ist nach einer manipulativen Beziehung am Ende - psychisch wie physisch. Ihre Freundin Ella sieht das und nicht weg. So kommt es, dass Charlie bei Ella auf der Couch schläft und die Bedingung, ein Antiaggressionstraining für Frauen zu machen, erfüllt. Doch wieso ist Charlie so wütend? Warum ist sie so ausgerastet? Nach und nach lernen wir Lesende Charlie und ihre Situation kennen.

Der Anfang: Charlie trifft Valentin. Nach einem intensiven ersten Kennenlernen hören die beiden monatelang nichts voneinander, bis sie sich auf einer Party wiedersehen. Allerdings ist Valentin für seine Freundin Valeria dort. Also einfach Freunde? Das funktioniert so lange, bis es gar nicht mehr funktioniert. Und von einer dysfunktionalen Freundschaft landen die beiden in einer Beziehung, in der Valentin nicht richtig committed ist, während für Charlie außer Valentin nichts mehr zu existieren scheint. Selbst Ihr geliebtes Mathematik-Wissenschaftskarriere als PhD-Studentin und Freundschaften gibt sie für diese Liebe nahezu auf. Geprägt von Selbstzweifeln, Schuldgefühlen, Selbsttäuschung, Verlangen, Unehrlichkeit und Wut nimmt diese Beziehungsdynamik einen Lauf, der für alle Beteiligten verletzend, herabwürdigend und toxisch ist. …

»Wie peinlich diese Wutanfälle sind, und die Drohungen, ich verlasse dich und so weiter, und dann macht man es doch nicht. Und ich glaube, weil sich diese Wutanfälle so abnutzen, weil man sich so lächerlich vorkommt, muss man immer krasser werden. Immer gewalttätiger. Um endlich was auszulösen, was zu ändern. Und manchmal treibt man es dann so weit, dass man denkt, jetzt war es das. Jetzt muss er doch gehen.« (114)

»Gelbe Monster« 👿 ist der Debütroman der Autorin & Theaterregisseurin Clara Leinemann, indem weibliche Wut, Gewalt und Aggressionen in den Vordergrund gestellt werden. Sie hält damit einer Gesellschaft, die Beziehungsgewalt in allen Formen nahezu tabuisiert, den Spiegel vor.

Die im Klappentext angekündigte, sympathische Antiheldin habe ich in der Protagonistin Clara nicht gefunden. Vielmehr habe ich beim Lesen gehofft, dass sie endlich beginnt sich selbst zu reflektieren und z. B. mit diesen toxischen Vergleichen zwischen ihr und anderen Girls aufhört. Gleichzeitig habe ich ihre quasi einzige wirkliche Freundin Ella dafür bewundert, wie sehr sie Girl’s Girl ist, obwohl Charlie auch sie so oft verletzt. Vieles von dem Geschriebenen liest sich sehr authentisch, aber die tatsächliche Veränderung, die Annahme der Verantwortung und das Anerkennen der eigenen Fehler kommt mir viel zu kurz. Es werden wichtige Themen berührt (Charlie’s Mutter-Tochter-Verhältnis; ihr toxsisches Selbstbild; ihre eigene Reflexion im Antiaggressionstraining), aber nicht tiergehender behandelt. Vielleicht ist es genau das, was der Roman will: Romanfiguren, die Fehler machen, die immer wieder die gleichen Verhaltensweisen rechtfertigen, ohne zu merken, wie schlecht es ihnen selbst und anderen damit geht und sich damit schlussendlich aber eben auch das: sehr menschlich verhalten. In wie vielen Beziehungen haben wir einfach weitergemacht, obwohl wir wussten, dass wir besser gehen sollten? Obwohl die Liebe schon längst nicht mehr da war?

Ein Roman, der wehtut, im Kopf bleibt, der Hoffnung gibt, dass Menschen sich ändern können, wenn sie wollen und Verantwortung für Ihr Handeln übernehmen. 💛 Und der zeigt, wie sehr wir Girl’s Girls in unserem Leben brauchen 💜

3.5/5 ✨