Gewaltig, schmerzvoll und extrem immersiv
„Gelbe Monster“ hat mich aus persönlichen Gründen neugierig gemacht - und mir schon vor dem Lesen gleichzeitig Furcht eingeflößt. Ich wurde überhaupt nicht enttäuscht und finde es dennoch unglaublich schwer, passende Worte für diesen Roman zu finden. Denn es ist ein Buch, das zum intensiven Fühlen da ist.
Charlie beginnt ein Anti-Aggressionstraining für Frauen. Warum genau sie das macht und wie es abläuft, erfahren wir auf zwei sich abwechselnden Zeitebenen. Während der Kurs gegenwärtig erzählt wird, erfahren wir von den Hintergründen, die ihn notwendig machten, in einer spannungsgeladenen Retrospektive.
Clara Leinemann hat hier nicht nur eine Anti-Heldin erschaffen, sondern sich auch einem literarisch kaum beachteten Thema gewidmet: Beziehungsgewalt gegen Männer ausgehend von Frauen. Und um das gleich einmal vorwegzunehmen: Ich war da nicht ohne Skepsis, aber dieses Thema muss natürlich existieren dürfen, auch wenn patriarchale und misogyne Gewalt allgegenwärtig ist. Leinemann verfällt auch an keiner Stelle in eine moralische Wertung oder Relativierung anderer Gewaltformen.
Im Gegenteil: Die Geschichte fordert ihre Leser*innen heraus, selbst zu fühlen. Es ist unglaublich, was die Autorin hier geschrieben hat. Sie schreibt so nah, so unerbittlich präzise und dabei so frei von eigener Wertung, dass die gesamte Handlung emotional zwar wirklich keine leichte Kost, aber dafür unfassbar immersiv ist. Mein Herz hat beim Lesen schneller geschlagen, mein Atem an manchen Stellen ausgesetzt und ich konnte das Buch doch nicht aus der Hand legen.
Es verlangt geradezu von uns, Charlie so zu betrachten, wie die Geschichte es uns vorgibt. Sie ist manipulativ, um Besserung bemüht, psychisch labil, beziehungsabhängig, unsicher und übt physische wie psychische Gewalt gegen ihren Partner Valentin aus. Die Gewalt gegen ihn und auch sich selbst ist schlimm, aber so ehrlich beschrieben wie es nur geht. Und die Genialität des Romans liegt meines Erachtens auch darin, dass die Geschlechterrollen umgedreht werden könnten. Leinemann hat die toxische Beziehungsdynamik der beiden so akkurat beschrieben, dass es nämlich eigentlich egal ist.
Ich habe Charlies Verhalten manchmal so stark nachempfinden können, dass es mir unglaublich weh tat. Dann wieder wollte ich mich unbedingt von der Figur abgrenzen. Das gesamte Buch ist eigentlich genau das: eine Grenzerfahrung, die ich so bislang selten hatte. Es ist gleichzeitig ein Easy Read und nicht, ebenso eine emotional nachfühlbare wie kaum auszuhaltende Geschichte. Deshalb fällt mir die Bewertung wohl auch so schwer. Das Buch ist eine literarische und thematische Bereicherung und ich bin froh, dass ich es lesen durfte. Aber es war eben auch alles andere als leicht. Obwohl erstaunlich flüssig lesbar, hätte ich über ein paar Sachen gerne noch mehr erfahren. Die Grau- und Leerstellen auszuhalten gehört hier wohl genauso zu den Herausforderungen wie die ausgelösten Gefühle.
4,5 ⭐️
Charlie beginnt ein Anti-Aggressionstraining für Frauen. Warum genau sie das macht und wie es abläuft, erfahren wir auf zwei sich abwechselnden Zeitebenen. Während der Kurs gegenwärtig erzählt wird, erfahren wir von den Hintergründen, die ihn notwendig machten, in einer spannungsgeladenen Retrospektive.
Clara Leinemann hat hier nicht nur eine Anti-Heldin erschaffen, sondern sich auch einem literarisch kaum beachteten Thema gewidmet: Beziehungsgewalt gegen Männer ausgehend von Frauen. Und um das gleich einmal vorwegzunehmen: Ich war da nicht ohne Skepsis, aber dieses Thema muss natürlich existieren dürfen, auch wenn patriarchale und misogyne Gewalt allgegenwärtig ist. Leinemann verfällt auch an keiner Stelle in eine moralische Wertung oder Relativierung anderer Gewaltformen.
Im Gegenteil: Die Geschichte fordert ihre Leser*innen heraus, selbst zu fühlen. Es ist unglaublich, was die Autorin hier geschrieben hat. Sie schreibt so nah, so unerbittlich präzise und dabei so frei von eigener Wertung, dass die gesamte Handlung emotional zwar wirklich keine leichte Kost, aber dafür unfassbar immersiv ist. Mein Herz hat beim Lesen schneller geschlagen, mein Atem an manchen Stellen ausgesetzt und ich konnte das Buch doch nicht aus der Hand legen.
Es verlangt geradezu von uns, Charlie so zu betrachten, wie die Geschichte es uns vorgibt. Sie ist manipulativ, um Besserung bemüht, psychisch labil, beziehungsabhängig, unsicher und übt physische wie psychische Gewalt gegen ihren Partner Valentin aus. Die Gewalt gegen ihn und auch sich selbst ist schlimm, aber so ehrlich beschrieben wie es nur geht. Und die Genialität des Romans liegt meines Erachtens auch darin, dass die Geschlechterrollen umgedreht werden könnten. Leinemann hat die toxische Beziehungsdynamik der beiden so akkurat beschrieben, dass es nämlich eigentlich egal ist.
Ich habe Charlies Verhalten manchmal so stark nachempfinden können, dass es mir unglaublich weh tat. Dann wieder wollte ich mich unbedingt von der Figur abgrenzen. Das gesamte Buch ist eigentlich genau das: eine Grenzerfahrung, die ich so bislang selten hatte. Es ist gleichzeitig ein Easy Read und nicht, ebenso eine emotional nachfühlbare wie kaum auszuhaltende Geschichte. Deshalb fällt mir die Bewertung wohl auch so schwer. Das Buch ist eine literarische und thematische Bereicherung und ich bin froh, dass ich es lesen durfte. Aber es war eben auch alles andere als leicht. Obwohl erstaunlich flüssig lesbar, hätte ich über ein paar Sachen gerne noch mehr erfahren. Die Grau- und Leerstellen auszuhalten gehört hier wohl genauso zu den Herausforderungen wie die ausgelösten Gefühle.
4,5 ⭐️