Lehrreiche Irritationen

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merkurina Avatar

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Nachdem ich in letzter Zeit häufig Bücher mit Protagonistinnen meines Lebensabschnitts (50++) gelesen habe, war es eine gute Abwechslung, es mal wieder literarisch mit einer jüngeren Generation zu tun zu haben. Zumindest im Punkt der schmerzhaften, toxischen Liebesverstrickungen hat man im späteren Alter eher die gelassenere Zeit, das geht zumindest mir so. Und das empfinde ich als Erleichterung.

Denn ganz ehrlich: Es gibt Aspekte im Empfinden von Charlie, die erinnere ich durchaus bei mir: unbedingte Liebeswünsche gegen jeden Verstand. Ich erinnere dies nicht in dieser Ausprägung und Konsequenz, finde es dennoch sehr stimmig dargestellt.
Im Falle von Charlie und Valentin treffen eine junge Frau mit entschiedenem, romantisiertem Bindungswunsch und ein junger Mann mit sehr ambivalentem und unsicherem Bindungsverhalten aufeinander. Er lässt sich nie ganz auf sie ein, und um so merklicher das wird, umso ungestümer begehrt sie, dass es anders sei.
Dass seine Zurückweisung, seine passive Aggressivität, seine Rumlavieren sie wütend machen, konnte ich beim Lesen total nachvollziehen. Dass sie diese Wut phasenweise auch heftig auslebt, ist eine Reaktion, die man eher Männern zurechnet. Charlie wendet ihre aufgestaute Wut nacheinander gegen Valentin, gegen ziemlich viele Sachen und gegen sich selbst - wahrscheinlich gilt nur Letzteres nach wie vor als typisch weiblich.

In der Regel finde ich es nicht vorrangig, bei Romanfiguren zu urteilen, wie sympathisch oder verstehbar sie sind, es sind halt literarische Figuren.
Im Falle diesen Buches, fühlte ich mich allerdings zur Stellungnahme innerlich sehr aufgefordert. Ständig mochte ich Charlie verteidigen. Sie und die anderen Frauen im Anti-Aggressionstrainig wirken eher wie Opfer, als wie brutale Täterinnen. Zweifellos haben sie ihre Wut als Folge von Ohnmacht und Verzweiflung nicht unter Kontrolle. Eine Entschuldigung, die ich bei Männern eher nicht gelten lassen würde.

Man sieht, das ist kompliziert... Klar ist für mich, dass die Frauen, dass jeder Mensch unter eigenen Wutanfällen selbst leidet. Und: dass die auslösende Situation durch die Wut nicht verschwindet. (Und sowieso: Wenn jemand so dringend geliebt werden will von der nicht bereiten Person, dann ist das das eigentliche Drama.)
Sicher bin ich mir aber auch, dass Männer, die aus Liebeskummer ausrasten und dabei alles kurz und klein schlagen, in der Regel nicht zum Anti-Aggressions-Training gehen.

Immer wieder musste ich an den Buchtitel "Die Wut, die bleibt" von Mareike Fallwickl denken - auch wenn in diesem Buch der Ausgangspunkt der Wut zumindest scheinbar sehr anders liegt.
"Gelbe Monster" ist ein hochinteressantes, mutiges Buch mit einem enormem geschlechterpolitischen Potential. Nicht alle Passagen sind angenehm zu lesen, aber streckenweise ist es auch ein Pageturner. Auf jeden Fall ein Buch, das gegen den Strom erzählt.