Story, Personen, Cover - alles gut

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Charlie ist eine tolle Protagonistin, so verpeilt, so liebenswert. Ihr Kopfkino ist ständig aktiv, alles, was um sie herum passiert, ist Anlass zu neuen Deutungen und Phantasien. Sie hat maßlos viel Selbstmitleid, ihre eigene Schuld oder wenigstens Mitschuld am Vorgefallenen kann sie nicht sehen, auf der anderen Seite ist sie aber auch sehr verletzlich und verletzt. Tief in ihr ist stets die Hoffnung, dass sich alles bald ändert: sie selbst, ihr Leben, ihre Beziehung, alles wird gut und glücklich. Bald wird sie ein besserer Mensch und bekommt dann ein besseres Leben.
Für den „außenstehenden Leser“ ist gleich klar, dass die Beziehung zu Valentin viel Konfliktpotential bietet und tatsächlich entwickelt sich das, was man eine toxische Beziehung nennt. Charlie verliert sich darin, redet sich alles schön, aber es ist nicht schön und in ihr stauen sich Wut, Enttäuschung, Selbstzweifel und Ängste, die ein Ventil brauchen.
Da wir alles aus Charlies Perspektive erleben, lernen wir ihr ihre Gefühlslage sehr intensiv kennen.

Clara Leinemann hat das Lebensgefühl und die Weltsicht einer jungen Frau unglaublich gut ausgedrückt, noch nie habe ich ein Buch gelesen, in dem typische Tagträumereien so hervorragend dargestellt wurden.
Das Buch wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Aktuell begleiten wir Charlie zu ihren Therapiesitzungen und den nächsten Schritten heraus aus ihrer Misere, die Zeitebene der Vergangenheit startet mit dem Kennenlernen von Valentin und zeigt dann, wie sich ihre Beziehung entwickelt. Sinnvollerweise hat Clara Leinemann die Gegenwart im Präsens, die Vergangenheit im Präteritum geschrieben, so dass man stets orientiert ist.
Die Kapitel sind kurz, der Stil flüssig und durch die Wechsel der Zeitebenen entsteht hohes Tempo und ein Lesesog, da man wissen will, was vorgefallen ist und ob und wie es weitergehen wird.

Durch die Mitstreiterinnen bei den Therapiesitzungen lernen wir weitere Lebensentwürfe kennen, die zu Gewalt geführt haben. So entsteht ein vielseitiges Bild von Lebensläufen von Frauen. die sich verstrickt haben in ihrer Wut und Frustration. Das Buch entschuldigt nichts, zeigt nur mögliche Entwicklungen auf, die zu nicht-verständlichem und auch nicht-akzeptablem Verhalten führen können.

In dem Roman geht es um toxische Beziehung, um Enttäuschungen und Wut, um Gewalt und Scham. „Weibliche Gewalt“, ist ein Thema, das man in Büchern kaum findet. Aber da wir in einer Gesellschaft leben, die eine Gesellschaft voller Wut geworden ist, und Wut häufig irgendwann einen Weg zur Entladung sucht, sollte man sich mit dem Thema in allen Varianten und Ausprägungen beschäftigen.

FAZIT
Ein großartiges Debüt, intensiv und traurig, dennoch muss man als Leser oft innerlich schmunzeln, wenn man den Gedankengängen der Hauptperson folgt. Das Buch hat gute Aussichten auf einen Platz in meinen Jahresfavoriten.