Unbequemer Blick auf Gewalt

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manjula Avatar

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„Gelbe Monster“ erzählt von Charlie, die körperlich übergriffig geworden ist und (nicht nur) in ihrer Beziehung ihre Aggressionen auslebt.
Das Buch nimmt damit ein seltener aufgegriffenes Thema in den Blick: Während Gewalt gesellschaftlich (zum Glück) zunehmend kritisch gesehen wird, möchten wir von Frauen ausgehende Gewalt tendenziell manchmal lieber relativieren - und nicht nur, weil wir uns von misogynen Männern (z.B. sog. Väterbewegung) abgrenzen möchten, sondern womöglich auch, weil sie nicht zu Rollenbildern passt, die wir immer noch in unseren Köpfen haben?
Spannend ist, wie der Roman Charlies Perspektive ernst nimmt, ohne sie zu entschuldigen: Wir sehen ihre Unsicherheit, ihre Abhängigkeit, ihre Sehnsucht nach Liebe – und gleichzeitig, wie sie Grenzen überschreitet, Verantwortung ausweicht und sich dabei kräftig in die Tasche lügt. Dass die Geschichte konsequent in ihrem Kopf bleibt, macht die Lektüre unbequem, aber produktiv: Wir werden gezwungen, eigene Maßstäbe für Schuld, Macht und Verletzung zu hinterfragen – auch dort, wo wir gewohnt sind, Frauen erstmal als Opfer wahrzunehmen (während wir in einem Mann in einer vergleichbaren Situation schnell den Täter erkennen).
Stilistisch liest sich das Buch leicht, die kurzen Kapitel halten die Spannung.
Die Mischung aus Zugänglichkeit und Zumutung macht den Roman für mich lesenswert: Er verweigert einfache Antworten und lädt dazu ein, über Verantwortung, Gewalt und Ambivalenz nachzudenken.