Ungewöhnliche Erzählperspektive mit kleinen Schwächen

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pageturner91 Avatar

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Charlie, Mathematikstudentin, sitzt mit einem blauen Auge in der U-Bahn. Gerade noch hat sie nach „schlechter Mensch“ gegoogelt, jetzt ist sie auf dem Weg zu einem Antiaggressionstraining für Frauen. Dass sie überhaupt hingeht, ist keine freiwillige Entscheidung: Nur wenn sie daran teilnimmt, darf sie weiter bei ihrer besten Freundin Ella wohnen. In ihre eigene Wohnung kann sie vorerst nicht zurück. Dabei fühlt sich Charlie in der Gruppe fehl am Platz – sie erwartet „Schwerverbrecherinnen“ und möchte eigentlich nichts mit ihnen zu tun haben. Gleichzeitig fragt sie sich: Ist es wirklich ihre Schuld, dass ihr Exfreund Valentin sie immer wieder zur Weißglut getrieben hat? Anfangs schien alles perfekt – mit ihm fühlte sie sich schön, begehrt und wie ein besserer Mensch. Doch die Beziehung eskaliert, bis Charlie selbst handgreiflich wird. Erst im Austausch mit den anderen Frauen im Training beginnt sie langsam, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und die Ereignisse aus einer neuen Perspektive zu sehen – mit Ellas Unterstützung kämpft sie sich aus der Spirale von Wut, Schmerz und Scham.

Clara Leinemann erzählt „Gelbe Monster“ auf zwei Zeitebenen: In der Gegenwart begleitet man Charlie im Antiaggressionstraining und bei ihrem vorübergehenden Leben bei Ella. Durch Rückblicke in die Vergangenheit erfährt man nach und nach, wie ihre Beziehung zu Valentin begann, wie sie immer toxischer wurde und warum sie schließlich in dieser Situation landet. Valentin ist emotional distanziert und wenig engagiert, während Charlie obsessiv alles in die Beziehung investiert. Sie schreibt ihm ununterbrochen Nachrichten, erwartet sofortige Antworten und richtet ihr Leben nach ihm aus. Das Ungleichgewicht, die emotionale Abhängigkeit und ihr Selbstbild führen unweigerlich zu Konflikten, die schließlich in Gewalt münden. Die Autorin wechselt geschickt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sodass man nach und nach versteht, wie Charlie hierhergekommen ist. Das macht das Buch spannend und sehr flüssig zu lesen.

Besonders interessant ist die Perspektive: Leinemann zeigt weibliche Gewalt aus der Sicht der Täterin, was selten so erzählt wird. Charlie ist dabei keine sympathische Figur. Oft wirken ihre Gedanken unnachvollziehbar, egozentrisch, und ihre mentalen Probleme werden erst nach und nach sichtbar. Genau das macht sie aber authentisch und vielschichtig. Man sieht, wie schwer es ihr fällt, Verantwortung zu übernehmen und ihre eigenen Fehler zu erkennen.

Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass einige Themen noch tiefer behandelt werden. Einige Themen werden nur angedeutet und nicht wirklich ausgeführt, z. B. Charlies Mutter-Tochter-Beziehung oder das Annehmen von Verantwortung.

Insgesamt ist „Gelbe Monster“ ein spannender, ungewöhnlicher Roman über Obsession, emotionale Abhängigkeit und weibliche Gewalt. Die Geschichte lässt einen die Perspektive einer Täterin verstehen, zeigt die Dynamik toxischer Beziehungen und regt zum Nachdenken über Schuld, Verantwortung und Selbstreflexion an.