Weibliche Antiheldin und ein frischer feministischer Blick
"Sie hatte sich doch nur verliebt, ist das eine Straftat, oder was?"
Charlie macht gerade ihren Master in Mathematik und bereitet sich auf PhD-Bewerbungen vor, als Valentin in ihr Leben stolpert. Sie verliebt sich Hals über Kopf, aber Valentin meldet sich nicht mehr - ein ganzes Jahr lang. Die beiden finden aber über Umwege doch noch zusammen - bis es eskaliert, und Charlie sich in einer Anti-Aggressions-Gruppe für Frauen wiederfindet. Wie konnte es so weit kommen? Sie gehört doch nicht zu diesen Schwerverbrecherinnen? Sie hat doch gar nichts Schlimmes getan - oder?
Wahnsinnig geschickt spielt Clara Leinemann in ihrem Debütroman mit unseren Vorstellungen von Geschlechterrollen und Beziehungsmustern. Wir wissen aus Statistiken: 80% häuslicher Gewalt geht von Männern aus. Aber immerhin 20% eben auch von Frauen. Und genau davon, von dieser eher selten thematisierten Minderheit, handelt dieser Roman; jedenfalls in gewisser Weise. In Charlies Therapiegruppe gibt es durchaus Frauen, die schweres Stalking betreiben, Feuerlöscher nach Exmännern werfen, in Wohnungen einbrechen. Aber es scheint auch solche zu geben, die "nur" mal eine Ohrfeige verteilen, wenn das Gegrapsche des Partners unerträglich wird. Oder ihn in den Oberarm zwicken, oder ihm ein wenig drohen. Aber wann ist Gewalt entschuldbar? Welches Maß ist "noch okay", und wann ist dann die Grenze zu "echter" Gewalt erreicht? Diese klugen und wichtigen Fragen stellt die Autorin, während wir Charlie durch die Geschichte ihrer Beziehung zu Valentin begleiten.
Es beginnt eigentlich alles schon schief - Charlie hört nie etwas von Valentin; er ist dann, als sie sich wiedersehen, auch in einer Beziehung; ihre eigene Beziehung kommt im Grunde durch Betrug zustande. Aber Charlie will das nicht wahrhaben. Sie redet sich ein, das sei die wahre Liebe. Dabei ist es nur eine Projektion, eine Obsession: Sie fantasiert sich eine Realität herbei, einen Partner, der Valentin weder ist noch sein kann - und statt das zu akzeptieren und zu gehen, versucht sie ihn durch Gewalt in Form zu pressen. Charlie ist eine verunsicherte junge Frau, findet sich hässlich, abstoßend, gerade im Vergleich zu ihrer anscheinend rundum perfekten besten Freundin Ella. Wir erfahren nur am Rande, dass ihre Mutter diesen tiefen Selbsthass in ihr gesät haben muss. Dass sie einen völlig unterirdischen, wenn nicht sogar inexistenten Selbstwert hat. Und deshalb unbedingt geliebt werden muss, vom schönen, begehrenswerten Valentin.
Valentin aber glänzt am meisten durch seine Passivität. Objektiv betrachtet bekommt er, im Vergleich zur promovierenden Charlie, wenig auf die Kette. Durch seine Trägheit, seine Spielchen mit Liebesentzug, seine Weigerung zu kommunizieren treibt er Charlie zur Weißglut. Rechtfertigt das Gewalt, körperliche wie psychische? Natürlich nicht. Und das ist für mich der springende Punkt an dieser Geschichte. Charlie wird gewalttätig aus Gründen, die eine andere Teilnehmerin ihres Trainings dem Patriarchat zuschreibt - man kann der Trägheit und generellen Unerträglichkeit der Männer nur noch mit Gewalt begegnen, das ist gerechtfertigte weibliche Wut, die die Typen auszuhalten haben, und so weiter. Nur zieht das Argument nicht - man stelle sich umgekehrt vor, die Geschichte handele von einer Frau, die eingeschüchtert ist, sich vor ihrem Partner duckt, von seinem Lovebombing fast erdrückt wird, auf offener Straße geohrfeigt wird, gegaslighted wird, beleidigt wird - und ihre Reaktion ist Passivität, Stille, Resignation, Rückzug in andere Beziehungen. Würden wir da denken, das rechtfertige die männliche Gewalt gegen diese Frau? Natürlich nicht, wir würden das schwer verurteilen und bei der Frau höchstens die Schuld sehen, nicht endlich zu gehen - insbesondere, da keine gemeinsamen Verstrickungen existieren, es sind zwei einfach trennbare Leben.
So konfrontiert Leinemann uns damit, wie wir über genderspezifische Gewalt denken, was wir für "noch okay" halten, was wir bereit sind zu rechtfertigen. Ich fand Charlie unerträglich, ich fand Valentin unerträglich, und beide haben ihren Teil zu dieser kaputten, toxischen Beziehung beigetragen, die von Anfang an nicht hätte sein dürfen. Aber die echte, unumstößliche Schuld liegt bei Charlie. In Charlies Unfähigkeit, sich selbst zu lieben und zu respektieren; in ihrer Liebessucht; ihren endlosen Projektionen; ihrer Aggression; ihrer Wut und ihrer Gewalttätigkeit. Dafür gibt es kein Entschulden.
In einer kunstvollen Endepisode lässt uns die Autorin mit der großen, offenen Frage zurück: Und jetzt? Die Geschichte scheint noch nicht zu Ende, aber wir erfahren nicht mehr, was weiter passiert. Wir müssen es uns selbst denken. Hat Charlie die "gelbe Tapete" (übrigens eine großartige Referenz auf den feministischen Short-Story-Klassiker von Charlotte Perkins Gilman) endgültig von den Wänden gerissen, oder warten die Monster immer noch dahinter? Eine große Leseempfehlung für alle, die sich tiefer in das Thema Feminismus hineinwagen und nicht nur an der Oberfläche kratzen wollen.
Charlie macht gerade ihren Master in Mathematik und bereitet sich auf PhD-Bewerbungen vor, als Valentin in ihr Leben stolpert. Sie verliebt sich Hals über Kopf, aber Valentin meldet sich nicht mehr - ein ganzes Jahr lang. Die beiden finden aber über Umwege doch noch zusammen - bis es eskaliert, und Charlie sich in einer Anti-Aggressions-Gruppe für Frauen wiederfindet. Wie konnte es so weit kommen? Sie gehört doch nicht zu diesen Schwerverbrecherinnen? Sie hat doch gar nichts Schlimmes getan - oder?
Wahnsinnig geschickt spielt Clara Leinemann in ihrem Debütroman mit unseren Vorstellungen von Geschlechterrollen und Beziehungsmustern. Wir wissen aus Statistiken: 80% häuslicher Gewalt geht von Männern aus. Aber immerhin 20% eben auch von Frauen. Und genau davon, von dieser eher selten thematisierten Minderheit, handelt dieser Roman; jedenfalls in gewisser Weise. In Charlies Therapiegruppe gibt es durchaus Frauen, die schweres Stalking betreiben, Feuerlöscher nach Exmännern werfen, in Wohnungen einbrechen. Aber es scheint auch solche zu geben, die "nur" mal eine Ohrfeige verteilen, wenn das Gegrapsche des Partners unerträglich wird. Oder ihn in den Oberarm zwicken, oder ihm ein wenig drohen. Aber wann ist Gewalt entschuldbar? Welches Maß ist "noch okay", und wann ist dann die Grenze zu "echter" Gewalt erreicht? Diese klugen und wichtigen Fragen stellt die Autorin, während wir Charlie durch die Geschichte ihrer Beziehung zu Valentin begleiten.
Es beginnt eigentlich alles schon schief - Charlie hört nie etwas von Valentin; er ist dann, als sie sich wiedersehen, auch in einer Beziehung; ihre eigene Beziehung kommt im Grunde durch Betrug zustande. Aber Charlie will das nicht wahrhaben. Sie redet sich ein, das sei die wahre Liebe. Dabei ist es nur eine Projektion, eine Obsession: Sie fantasiert sich eine Realität herbei, einen Partner, der Valentin weder ist noch sein kann - und statt das zu akzeptieren und zu gehen, versucht sie ihn durch Gewalt in Form zu pressen. Charlie ist eine verunsicherte junge Frau, findet sich hässlich, abstoßend, gerade im Vergleich zu ihrer anscheinend rundum perfekten besten Freundin Ella. Wir erfahren nur am Rande, dass ihre Mutter diesen tiefen Selbsthass in ihr gesät haben muss. Dass sie einen völlig unterirdischen, wenn nicht sogar inexistenten Selbstwert hat. Und deshalb unbedingt geliebt werden muss, vom schönen, begehrenswerten Valentin.
Valentin aber glänzt am meisten durch seine Passivität. Objektiv betrachtet bekommt er, im Vergleich zur promovierenden Charlie, wenig auf die Kette. Durch seine Trägheit, seine Spielchen mit Liebesentzug, seine Weigerung zu kommunizieren treibt er Charlie zur Weißglut. Rechtfertigt das Gewalt, körperliche wie psychische? Natürlich nicht. Und das ist für mich der springende Punkt an dieser Geschichte. Charlie wird gewalttätig aus Gründen, die eine andere Teilnehmerin ihres Trainings dem Patriarchat zuschreibt - man kann der Trägheit und generellen Unerträglichkeit der Männer nur noch mit Gewalt begegnen, das ist gerechtfertigte weibliche Wut, die die Typen auszuhalten haben, und so weiter. Nur zieht das Argument nicht - man stelle sich umgekehrt vor, die Geschichte handele von einer Frau, die eingeschüchtert ist, sich vor ihrem Partner duckt, von seinem Lovebombing fast erdrückt wird, auf offener Straße geohrfeigt wird, gegaslighted wird, beleidigt wird - und ihre Reaktion ist Passivität, Stille, Resignation, Rückzug in andere Beziehungen. Würden wir da denken, das rechtfertige die männliche Gewalt gegen diese Frau? Natürlich nicht, wir würden das schwer verurteilen und bei der Frau höchstens die Schuld sehen, nicht endlich zu gehen - insbesondere, da keine gemeinsamen Verstrickungen existieren, es sind zwei einfach trennbare Leben.
So konfrontiert Leinemann uns damit, wie wir über genderspezifische Gewalt denken, was wir für "noch okay" halten, was wir bereit sind zu rechtfertigen. Ich fand Charlie unerträglich, ich fand Valentin unerträglich, und beide haben ihren Teil zu dieser kaputten, toxischen Beziehung beigetragen, die von Anfang an nicht hätte sein dürfen. Aber die echte, unumstößliche Schuld liegt bei Charlie. In Charlies Unfähigkeit, sich selbst zu lieben und zu respektieren; in ihrer Liebessucht; ihren endlosen Projektionen; ihrer Aggression; ihrer Wut und ihrer Gewalttätigkeit. Dafür gibt es kein Entschulden.
In einer kunstvollen Endepisode lässt uns die Autorin mit der großen, offenen Frage zurück: Und jetzt? Die Geschichte scheint noch nicht zu Ende, aber wir erfahren nicht mehr, was weiter passiert. Wir müssen es uns selbst denken. Hat Charlie die "gelbe Tapete" (übrigens eine großartige Referenz auf den feministischen Short-Story-Klassiker von Charlotte Perkins Gilman) endgültig von den Wänden gerissen, oder warten die Monster immer noch dahinter? Eine große Leseempfehlung für alle, die sich tiefer in das Thema Feminismus hineinwagen und nicht nur an der Oberfläche kratzen wollen.