Wenn SIE es ist, die zuschlägt…

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
zeilen_echo Avatar

Von

Clara Leinemanns „Gelbe Monster“ ist ein Roman über eine toxische Beziehung nur dass die Gewalt hier nicht vom Mann ausgeht, sondern von der Frau. Und genau darin liegt meiner Meinung nach seine gesellschaftliche Sprengkraft.

Charlie, Mathematikstudentin und angehende Doktorandin, wirkt auf dem Papier klug und ehrgeizig. In Wirklichkeit ist sie ein Vakuum. Ihr Selbstwert speist sich ausschließlich aus der Bestätigung anderer. Sie existiert nur im Spiegel fremder Blicke. Als sie Valentin trifft (scheinbar ihr „Perfect Match“, leider vergeben) kippt ihr ohnehin brüchiges Ich in eine Obsession. Sie schlägt einen Traumjob aus, ordnet ihr gesamtes Leben diesem Mann unter, träumt sich in kitschige Filmszenen hinein, in denen sie die Hauptrolle einer romantischen Erlösungsgeschichte spielt. Die Realität interessiert sie nur, solange sie ihr Drehbuch nicht stört.

Das Glück ist aber nur von kurzer Dauer denn sobald Valentin nicht mehr perfekt performt, reagiert Charlie mit Gewalt. Nicht einmalig. Nicht „im Affekt“. Sondern wiederholt. Immer dann, wenn er nicht so funktioniert, wie sie es braucht. Hier zerbricht die bequeme Erzählung, weibliche Aggression sei grundsätzlich Reaktion auf männliche Provokation. In der Gruppentherapie mit anderen gewalttätig gewordenen Frauen wird klar: Opfererzählungen können auch Schutzschilde sein. Dieser Roman zwingt dazu, Machtmissbrauch unabhängig vom Geschlecht zu betrachten.
Und das ist unbequem.

Leinemann entwirft keinen feministischen Roman im Sinne einer Identifikationsfigur. Charlie ist von der ersten Seite an unsympathisch. Egozentrisch, manipulativ, emotional unreif. Man möchte sie schütteln oder ihr aus dem Weg gehen. Genau das macht das Buch für mich so stark: Es verweigert die moralische Entlastung. Es zeigt patriarchale Strukturen nicht als einfache Täter-Opfer-Matrix, sondern als System, das beschädigte Subjekte hervorbringt. Auch Frauen können Gewalt ausüben. Auch Männer können in Beziehungen strukturell unterlegen sein. Etwa wie Valentin, der mit seinem brüchigen Selbstwert und einer permanent kritisierenden Mutter aufgewachsen ist. Seine Sehnsucht nach Liebe macht ihn blind für die Dynamik, in die er gerät.

Mich hat das wütend gemacht. Nicht, weil das Buch Frauen „schlecht aussehen“ lässt. Sondern weil es so präzise seziert, wie Selbstwertdefizite, romantische Ideologie und Besitzdenken ineinandergreifen. Gleichzeitig bleibt ein Unbehagen: In einem gesellschaftlichen Klima, in dem misogynes Ressentiment ohnehin Konjunktur hat, wird dieses Buch sicher von manchen als Bestätigung für antifeministische Narrative missbraucht werden. Das soll aber kein Argument gegen seine Existenz sein. Aber ich sehe hier ein reales Risiko.

Fazit: Wer Gewalt nur dort sehen will, wo sie ins vertraute Bild passt, wird dieses Buch ablehnen. Alle anderen sollten sich der Irritation stellen.