Zwischen Wut und Verantwortung

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
carinas.buecherwelt Avatar

Von

Gelbe Monster von Clara Leinemann war eines dieser Bücher, die mich sofort neugierig gemacht haben: Titel und Cover sind ein echter Banger. Und auch der Einstieg hält, was das Äußere verspricht.
Im Zentrum steht Charlie, Anfang zwanzig, Mathematikstudentin, auf dem Weg zu einem Anti-Aggressionstraining für Frauen. Wie es dazu kommt, erfahren wir nach und nach. In Rückblenden entfaltet sich ihre Beziehung zu Valentin: ein Kennenlernen mit Intensität, dann dieses typische Hop-on-Hop-off, viel Nähe, viel Rückzug, wenig Kommunikation. Valentin macht dicht, Charlie interpretiert, steigert sich hinein, richtet ihr Leben immer stärker nach ihm aus. Die Beziehung kippt. Langsam, schleichend, verletzend…
Erzählt wird in zwei Strängen: das Training in der Gegenwart und die Beziehung in der Vergangenheit. Nicht alles ist sofort klar, manches muss man sich zusammensetzen. Das macht es stellenweise fordernd, aber auch spannend. Man will verstehen, wie es so weit kommen konnte.
Was ich besonders interessant fand, war der Fokus auf weibliche Wut. Hier geht es nicht um ein klassisches Täter-Opfer-Schema. Charlie ist keine eindeutige Identifikationsfigur. Ich war mir bis zum Schluss nicht sicher, ob ich sie sympathisch finde. Aber genau das hat für mich funktioniert. Es geht um Selbstwert, um Vergleiche mit anderen Frauen, um emotionale Abhängigkeit und die Frage, wann man beginnt, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Manche Themen wie z.B. etwa familiäre Prägungen oder das Mutter-Tochter-Verhältnis werden nur angerissen. Da hätte ich mir stellenweise mehr Tiefe gewünscht. Trotzdem bleibt das Buch eindringlich. Es ist unbequem, aber nicht überzogen. Und es zwingt einen, genauer hinzusehen.
Für mich ein intensives Debüt.