überraschend!

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Evann Normandin „Genug für ein halbes Leben“
Eine Vergessenspille für einen Neuanfang? Evann Normandin kreiert in „Genug für ein halbes Leben“ ein verrückt verlockendes Szenario zur Befreiung von seelischen Lasten: alles vergessen zu können für ein unbeschwertes Leben. „Man muss sich dem Leben stellen. Den guten und den schlechten Dingen. Erst das macht uns zu Menschen.“ Doch was passiert, wenn etwas so Gewaltiges geschieht, das man nicht bewältigen kann, man eher daran zugrunde gehen würde. Würdest du dann die Vergessenspille nehmen, um neu anzufangen ohne Ballast, aber auch ohne jegliche Erinnerungen an dein vorheriges Leben?

Rose hat in ihrem 33-jährigen Leben schon sehr viel Verlust erlitten: Ihr geliebter Vater und Vorbild erkrankte, als sie noch Schülerin war, an Alzheimer und verblasst nun jeden Tag ein bisschen mehr. Ihre Mutter zerbricht an dieser Diagnose und wird zu einem alkoholsüchtigen Schatten. Aus Roses Perspektive lernen wir ihre Vergangenheit kennen und starten mit ihr in ein neues Leben an der Uni: eine neue Version Rose ohne kranke Eltern. Rose, von Verlust- und Ablehnungsängsten geprägt, verliebt sich in Landon, der ihr in der ersten Uniwoche begegnet und Stabilität und bedingungslose Liebe bietet. Für Landon stellt Rose sein ganzes Universum dar, sie ist perfekt. Er unterstützt sie und glaubt an sie auch für sie beide, wenn sie an sich zweifelt. Doch ein tragischer Schicksalsschlag stellt ihre Liebe auf die Probe, und für Rose erscheint die zuvor als abwegig erschienene Vergessenspille der einzige Ausweg. Sie lässt ihr bisheriges Leben hinter sich und startet in Edinburgh in ihr neues Leben: frei, voller Hoffnung und Optimismus, jeder Tag eine Neuentdeckung.

Aus Landons Sicht in der Gegenwart verfolgen wir seine Bemühungen, die neue Rose als Fremder wieder für sich zu gewinnen. Er kann Rose nicht einfach vergessen und ihre gemeinsame Zeit hinter sich lassen. Er will ihrer Liebe eine zweite Chance geben. Doch ist das so einfach möglich, wenn eine ein unbeschriebenes Blatt ist und der andere die Last der Erinnerung trägt?

Durch die abwechselnden Perspektiven und Zeitebenen können wir beide Seiten zusammensetzen: Emotional, authentisch und intensiv erzählt Normandin nicht nur von einer verträumten Liebesgeschichte mit spannendem Gedankenspiel, sondern stellt die Frage nach dem Wert der Erinnerungen in den Fokus: Wie eng sind unser Leben und unsere Identität mit unseren Erinnerungen verknüpft? Was zeichnet einen Menschen aus? Wie prägen Verlust und Trauer den Menschen?
Fazit

„Liebe ist, was man macht, nicht, was man fühlt.“ Evann Normandin zeigt uns in ihrem neuen Roman, was Liebe auch bedeuten kann: Schmerz, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Ein emotional berührender, vielschichtig authentischer Roman, der mich überrascht hat.


Vielen Dank an Heyne und vorablesen.de für das Leseexemplar.


Evann Normandin „Genug für ein halbes Leben“. Roman
ET: 29.7.2026
OT: The Good Parts
Aus dem Englischen von Henriette Zeltner-Shane
Heyne Verlag, 2026,
ISBN: 978-3-453-27608-6