Kann eine Torte Trauer konservieren?

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Mitten in der Nacht sitzt eine Frau allein am Küchentisch und modelliert aus karamellfarbenem Marzipan zwei kleine Möpse. Während der Rest des Hauses schläft, korrigiert sie vorsichtig ein schief geratenes Ohr, plant Glasur, denkt an Hautpflegeprodukte, an ihre Mutter, an ihren toten Vater – und plötzlich spürt man schon auf den ersten Seiten: Hier bäckt niemand einfach nur einen Geburtstagskuchen. Hier versucht jemand, gegen den Zerfall anzurühren.

Ich mochte sofort, wie unscheinbar dieser Einstieg zunächst wirkt. Keine große Dramatik, keine demonstrative Spannung – stattdessen Marzipan, Müdigkeit und Küchenlicht. Aber genau daraus entwickelt der Text seine Sogwirkung.Das Backen wird beinahe zu einer Sprache eigener Art: Eier, Zucker und Kartoffelmehl ersetzen Gespräche, die vielleicht niemand mehr führen kann.

Der Schreibstil trägt das wunderbar. Er ist klar, ruhig und gleichzeitig voller feiner emotionaler Unterströmungen. Besonders gelungen finde ich, wie der Text nie ausdrücklich behauptet, dass Andrea überfordert ist – man liest es einfach in allem, was sie tut. In den nächtlichen Vorbereitungen. In ihrer Selbstverständlichkeit, alles allein zu organisieren. In ihrer Art, sogar Selbstfürsorge noch leistungsorientiert zu denken. Diese Figur wird nicht erklärt, sondern Stück für Stück freigelegt.

Auch die Autofahrt danach fand ich stark. Äußerlich passiert fast nichts, aber innerlich öffnet sich die ganze Familiengeschichte. Straßennamen werden zu Erinnerungsschleusen, kleine Kindheitsszenen blitzen auf, und plötzlich liegt da dieser geheimnisvolle „Unfall“ im Raum wie etwas, das bis heute nachwirkt. Der Roman macht das sehr geschickt: Er deutet an, statt sofort offenzulegen. Dadurch entsteht keine künstliche Spannung, sondern ein echtes emotionales Ziehen.

Besonders gelungen finde ich außerdem die Atmosphäre permanenter Erschöpfung. Alle Figuren wirken, als würden sie sich irgendwie durch den Alltag schleppen – Andrea, ihre Ehe, ihre Tochter. Diese Müdigkeit hängt über allem wie Novemberlicht. Und gerade deshalb wirken die kleinen Momente von Nähe so intensiv. Eine Hand auf der anderen. Ein Blick zur schlafenden Tochter. Zwei Marzipanhunde auf einer Torte.


Toll! Würde gerne weiterlesen!