Packender Start

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Der Prolog von Moa Herngrens Roman Geschwister wirft Leser*innen sofort mitten in ein hochemotionales und spannungsgeladenes Szenario. Eine Beerdigung im Mai 2023 zeigt drei Geschwister, zwischen denen eine tiefe, eisige Kluft herrscht. Herngren versteht es glänzend, durch minimale Gesten und räumliche Distanz eine greifbare Feindseligkeit aufzubauen. Als sich am Ende des Prologs herausstellt, dass eine polizeiliche Vorladung wegen Diebstahls und Körperverletzung vorliegt, angezeigt von den eigenen Geschwistern, ist der Spannungsbogen perfekt gespannt. Dieser packende Einstieg fesselt sofort und wirft unzählige Fragen auf. 
Der anschließende Sprung im ersten Teil zu Andrea, sieben Monate vor der Beerdigung, nimmt das Tempo geschickt heraus und führt uns behutsam in den Alltag der Protagonistin ein.
Die Sprache von Moa Herngren ist angenehm unaufgeregt, präzise und psychologisch feinfühlig. Sie verzichtet auf künstliches Pathos und fängt stattdessen die unausgesprochenen „Mikrokonflikte“ und die latente Überforderung im Familien- und Berufsleben perfekt ein. Besonders berührend wird die Erzählung durch Andreas wehmütige Erinnerungen an den verstorbenen Vater, der ihr die Liebe zum Backen vererbt hat. Gleichzeitig deutet sich durch die Erwähnung der passiven Geschwister und der rätselhaften Erschöpfung ihrer Tochter Liv bereits die Vielschichtigkeit der familiären Dynamik an. 
Nach dem Ende dieser Leseprobe ist mein Interesse an der Geschichte riesengroß. Herngren hat meisterhaft die Saat für ein tiefgründiges Familiendrama gesät, und ich möchte unbedingt wissen, wie aus den aktuellen Alltagssorgen der dramatische Bruch auf der Beerdigung entsteht. Ein absolut vielversprechender Romananfang, der Lust auf mehr macht.